Nick McDonell, heißt es, war siebzehn, als er den vorliegenden Roman zu Papier gebracht hat, jetzt ist er neunzehn; aber das tut glücklicherweise nichts zur Sache. Dieser energischen, gnadenlosen und beherrschten Prosa fehlt so ziemlich alles, was einer sentimentalen Diskussion über gefährdete Kindergenies Anlass geben könnte.

Da ist nichts Zartes, früh Verheultes, da ist auch keine Traurigkeit, sondern eine echte Trias von echtem Hass, echtem Ekel und echter Verachtung. Hassenswert sind die verkorksten Kinder reicher Eltern, deren New Yorker Partys, Kleider und Drogen der Roman schildert; ekelerregend sind die berechnenden Tricks, die Machtspiele und Demütigungen, mit denen sie sich das Leben zur Hölle machen; verächtlich sind die Erwachsenen, die von all dem nichts sehen wollen, weil sie dunkel ahnen, dass sie das Spiel erfunden haben.

Die Gesellschaft ist krank

Gefährdet, recht eigentlich schon gefährlich krank ist in diesem Buch die Gesellschaft, nicht der Autor, der sie mit einem kalten Pathos beschreibt, das von ferne an Stendhal und Ernst Jünger erinnert. McDonell lässt seine Figuren in der dritten Person und im Präsens auftreten, als sei er bloßer Zuschauer eines Films, den er protokolliert; das gibt der Perspektive das Unbeteiligte, das verweigerte Mitleid und objektive Staunen des Wissenschaftlers.

In Wahrheit ist die Objektivität jedoch nicht echt; es gibt eine Figur, die erzählt, und das ist der Drogendealer White Mike, der selber keine Drogen nimmt. Er ist der beteiligte Unbeteiligte, er hat an allem Unglück eine Aktie, aber als Dividende begnügt er sich mit Allwissenheit. Dieser Stoiker ist der Einzige, der das Blutbad überlebt, mit dem der Roman endet, und ist darum der einzige Zeuge, an den sich der Leser halten kann. Das ist eine ungemütliche Konstruktion; denn wer möchte sich schon einem Dealer anvertrauen?

Es ist dieselbe Konstruktion, die Dostojewskij in seinen Dämonen angewandt hat, wo als Erzähler der ungeheuerlichen Begebenheiten auch nur ein höchst zweifelhafter Chronist zu haben ist. Nick McDonells Buch, das sich so zügig wie ein Comic lesen lässt, bedient sich der avanciertesten Tricks der literarischen Tradition; es seien also alle gewarnt, die etwa glauben, hier ein authentisches Lebenszeugnis vor sich zu haben. Nur von dem einen Klassiker, von Camus, den bei McDonell alle Kids zitieren, weil sie Die Pest in der Schule lesen, gibt es keine poetische Spur. Es gibt keine bewusste Entscheidung, kein moralisches Dennoch. Der abwesend anwesende Existentialist bezeichnet die große Leerstelle des geschilderten Milieus.

Aus dem Arzt bei Camus ist bei McDonell der Dealer geworden; das ist, wenn man so will, auch schon die Pointe. Es gibt nur eine Medizin gegen die große Leere: Das ist die Droge. Es wird viel getrunken in dem Buch und viel gehascht, manche nehmen Koks, aber das Neueste und Schickste ist Zwölf, von dem niemand weiß, woraus es besteht. Manches spricht dafür, dass es sich um Crack in Pillenform handelt, das damit den Sprung aus dem Ghetto in die Welt der Schönen und Reichen geschafft hätte – eine Karriere, die soziologisch betrachtet auch eine Pointe enthält. Das Elend der Ärmsten erobert als Designerdroge die Kinder des Kapitals.

In der Hierarchie der Drogen nimmt Zwölf einen gehobenen Platz ein, aber nicht den höchsten. Dieser ist der Gewalt vorbehalten. Der Einsiedler Claude, von man seines seltsamen Verhaltens wegen schon denkt, er sei auf Zwölf, steht in Wahrheit auf Waffen; er beglückwünscht sich geradezu, clean zu sein – um die Samurai-Schwerter, die Totschläger, allen voran aber die Uzi in äußerster Bewusstseinsschärfe würdigen zu können. Für die wunderbar ölige Maschinenpistole, die blitzenden Klingen hat er aus dem Kleiderschrank einen kerzenerleuchteten Schrein geschaffen. Das heißt, in der sonderbar hieratischen Ikonografie des Buches, die Waffen stehen nicht nur an der Spitze der Drogen, sondern noch oberhalb der Markenklamotten.