Gelegenheit zum Innehalten – wann bietet sich die schon mal? Richtig: im großen Stau auf der Autobahn. Endlich lassen sich die Dinge in Ruhe und in größeren Zusammenhängen betrachten, die sonst nur an einem vorbeirasen. Der Ethikrat entwirft eine Philosophie, die noch geht, wenn nichts mehr geht.

In den masochistischen Momenten seines Daseins leidet der Ethikrat daran, dass er sich rollenbedingt anmaßt, den weiseren, wenn auch nicht weisen Ratgeber zu spielen, sein Adressat aber als weniger weiser, wenn auch nicht unweiser ratbedürftiger Empfänger firmiert, wo es doch das eigentlich Menschliche, folglich das eigentlich Philosophische ist, dass wir alle "in einem Boot" sitzen. Doch jetzt, wo der Ethikrat als philosophischer Stauberater gefordert ist, da ist er wenigstens von dieser Hypothek befreit.

Zwar nicht in demselben Boot, aber Blech an Blech, Stoßstange an Stoßstange, steckt er in demselben Stau. Wie alle seine Mitmenschen in ihrer Eigenschaft als Koautomobilisten sagt er sich: "Ich schwitze, also bin ich – Evaporo, ergo sum " . Unterscheidend allein, dass er jetzt im Furor seiner nachpfingstlichen Inspiration auf der Strecke zwischen F. und F. an ebenjenem philosophischen Staurat arbeitet – jedes erneute Anfahren ein Wort, alle 100 Meter ein Satz, jedes Bremsen ein Komma, jedes erneute Stoppen ein Punkt –, den er eine Woche später im Stau zwischen F. und F. bei Tausenden von ZEIT -Lesern neben sich, vor sich, hinter sich als Staulektüre erblicken wird.

Doch was sagt der philosophische Stauberater sich und seinesgleichen?

Paragraf 1: Du bist selbst Teil des Problems, unter dem du leidest, Staumitverursacher und Staumitgeschädigter, Ursache deiner selbst, causa sui. Die Rolle des ersten Bewegers freilich, im Vollsinn des Wortes des Auto-Mobilisten, von dem Aristoteles sprach, ohne schon die angemessene Anschauung der Sache haben zu können, wirst du dir abschminken müssen, jetzt, wo nichts mehr geht, rien ne va plus.

Paragraf 2: Die Grundregel des automobilen Stoizismus: Versuche nicht, dem Stau zu entkommen; wenn du erst einmal in ihm bist. Heißt Dasein In-der-Welt-Sein, so ist Im-Stau-Sein das In-der-Falle-Sein, in der selbst gestellten, ohne dass es noch empfehlenswerte Möglichkeiten des Entkommens gäbe. Der Ethikrat will sich an dieser Stelle nicht noch einmal mit den unbelehrbaren Spurwechslern befassen, die in ihrem unverbesserlichen Optimismus glauben, auf der jeweils anderen Seite liege das Glück. Aber die einst von Heidegger vollzogene "Kehre" empfiehlt sich im Stau noch weniger.