Jeder Schreiber schreibt irgendwie anders. Ich zum Beispiel habe das total vorhersagbare Schreibtempo. Es ist je nach Genre verschieden, aber innerhalb des Genres bleibt es hundertprozentig konstant. Wenn also ein Wanderer des Weges kommt und sagt: "Ich brauche einen Artikel, er soll sich im ersten Drittel reimen, er soll um die Mitte herum nachdenklich-sensibel sein, gegen Ende aber einen aggressiv-unversöhnlichen Touch kriegen, und er soll genau soundso lang werden", dann kann ich das im Kopf sofort ausrechnen – aha, es sind so und so viele Stunden Schreibzeit. Wenn ich ein Artikelthema eklig oder irrelevant finde, schreibe ich trotzdem, denn als Lehrer könnte ich auch nicht sagen: "Diesen Schüler finde ich eklig, den unterrichte ich nicht." Es dauert aber, weil man zuerst den inneren Widerstand überwinden muss, genau dreimal so lange. Deswegen verlange ich für irrelevante Themen ein höheres Honorar.

Die erfolgreichste Autorin der Welt ist Joanne K. Rowling. Das erste Harry-Potter-Buch hatte 335 Seiten, in der deutschen Ausgabe. Dieses Buch habe ich meinem Kind vorgelesen, das war eigentlich eine schöne Erfahrung. Dann kam Band zwei, ein bisschen dicker, mit 352 Seiten. Ebenfalls vorgelesen. Band drei hatte dann 448 Seiten. Ich dachte: "Manno, jetzt ist es aber mal gut." Als Zweites dachte ich: "Das lese ich, obwohl es so lang ist, in drei Teufels Namen vor, um die Liebe des Kindes zur Literatur zu pushen." Das vierte Harry-Potter-Buch hatte aber 767 Seiten. Ich sagte zum Kind: "Das ist mir für die Mundmuskulatur zu anstrengend. Lies selber." Ergebnis: Band vier liegt immer noch jungfräulich herum.

Ich mag die Bücher. Aber damals habe ich zum ersten Mal gedacht, dass Joanne K. Rowling vielleicht eine Schacke hat oder einen Tick. Jeder normal denkende Autor hätte aus fast 800 Seiten zwei Bände gemacht. Viele Künstler sind aber psychisch labil, und es gibt die verrücktesten Phobien. In Spellbound von Hitchcock rastet Gregory Peck aus, wenn er Skifahrer sieht. In der FAZ stand vor einem Vierteljahr eine Liste der bekannten Phobien, darunter Oktophobie, die Angst vor der Zahl acht, oder Zemmiphobie, die Angst vor Maulwürfen. Joanne K. Rowling kann es offenbar nicht ertragen, wenn das neue Buch kürzer ist als das vorherige. Bibliophobia brevis. Das ist, wenn man es mit der Angst vor Maulwürfen vergleicht, gar nicht mal so exotisch. Band fünf kommt am nächsten Wochenende raus. Es sind jetzt schon mehr als 1000 Seiten, auf Englisch. Das heißt, auf Deutsch können es locker 1100 werden.

Band eins und zwei kosteten 14,50 Euro. Band drei kostete 15,50 Euro. Band vier kostete 22,50 Euro. Der neue Band liegt bei 28,50 Euro. Das teuerste Kinderbuch aller Zeiten. Band eins passte als Hörbuch auf 9 CDs, dann waren es 10, dann 11, schließlich 20 CDs. Zwei Bände sollen noch kommen. Es ist echt Wahnsinn.

Bei Amazon kann man ein Interview mit Joanne K. Rowling lesen. Sie sagt, dass sie immer schneller schreibt. Band drei hat sie in einem Jahr hingekriegt, das kam ihr damals unheimlich flott vor. Band vier, knapp 800 Seiten, dauerte nur noch acht Monate. Das heißt, sie kompensiert ihre Phobie durch höheres Schreibtempo. Alle Menschen, die eine Phobie haben, lassen sich nämlich Tricks einfallen, um mit dieser Phobie leben zu können. Männer, die Angst vor Maulwürfen haben, werden zum Beispiel Offiziere bei der Marine.

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