Jetzt kommt Gisela, sagt der Richter, der donnerstags in Saal 455 verhandelt. Vor acht Monaten habe ich ihr gerade noch mal Bewährung gegeben, nun hat sie schon wieder was mitgenommen. Drei Schachteln Zigaretten und zwei Flaschen Wein, fügt er betrübt hinzu. Gisela sitzt im Rollstuhl, erzählt er den Zuhörern, in Folge von Drogensucht mussten ihr die Beine amputiert werden, und süchtig wurde sie, weil sie durch einen Autounfall ihre beiden Kinder verlor; das Schicksal trampelt zuweilen auf derselben Stelle rum. Schon zehn Minuten über den Termin. Ist ja auch beschwerlich mit dem Rollstuhl bei der Hitze, gibt der Richter, der glatzköpfig und gemütvoll ist, zu bedenken. Er schickt seine Protokollantin auf den Flur, nach der Angeklagten Ausschau zu halten. Kein Rollstuhl, keine Gisela. Er ruft beim Einlass an, niemand hat die Frau gesehen. Gisela kommt nicht.

An manchen Tagen scheint in keinem der vielen Säle des Amtsgerichts ein ordentlicher Prozess stattzufinden. Ich bin nicht verhandlungsfähig, behauptet Herr Rottfeld, ein stämmiger Beau mit vollem grauem Haar. Der gelernte Bürokaufmann ist wegen Versicherungsbetrugs angeklagt. Er täuschte einen Einbruch in seine Wohnung vor und bekam 190000 Mark von der Allianz. Vor vier Jahren flog der Schwindel auf, seitdem kämpft Rottfeld um seinen Status als Kranker. Stolz und leidend zählt er auf, was ihm alles zugesprochen wurde: Toilettenstuhl, Rollstuhl, Krankenpfleger. Ich leide an schwerem Rheuma, erklärt er, heute konnte ich meine Medikamente nicht nehmen, weil ich dann liegen müsste, ich bin nicht verhandlungsfähig. Die Richterin hat einen Arzt bestellt, der untersucht den Angeklagten in einem Nebenraum und stellt Verhandlungsfähigkeit fest. Rottfeld stöhnt, er verlangt seine Medizin. Bei der Nennung des Namens der Tablette merkt die Richterin auf: Beinahe hätte ich eine in der Handtasche, ich nehme die nämlich auch, ich habe auch Rheuma, und ich erscheine hier trotzdem jeden Tag. Respekt!, ruft höhnisch Rottfelds Anwalt. Man telefoniert mit dem Krankenzimmer. Zehn Minuten später trifft ein junger Sanitäter mit dem Medikament ein. Die sind der Hammer, warnt er. Rottfeld mag sich auch nach Schmerzlinderung nicht zur Sache äußern, er stöhnt: Ich bin verhandlungsunfähig, ich weiß nichts mehr.

Irgendwie hat ein Einbruch stattgefunden, erinnert sich die Zeugin Ilona Laya, Diplompsychologin und damals Nachbarin des Angeklagten. Ich kam gerade vom Reiten, da nahm ich das Loch in der Wohnungstür wahr, das sah so asozial aus. Die Frau in der handgewebten Wolljacke fasst sich mit großer Geste und schmerzverzerrtem Gesicht an die Schläfen: Ich kann hier nicht länger aussagen, ich habe starke Migräne. Dann sagt sie aber doch noch, dass ihr Hund, der Bronko, der jetzt tot sei, angeschlagen habe. Das liegt in der Hundeseele, erklärt die Psychologin fachmännisch. Rottfeld stöhnt laut auf, er verlangt nach einer Pause. Das Gericht entschließt sich nun doch, die Verhandlung zu unterbrechen.

Im Saal nebenan wird die Erschleichung von Beförderungsleistungen verhandelt. Der Beschuldigte hat Einspruch eingelegt. Er ist wegen Schizophrenie in psychiatrischer Behandlung. Als er schwarz mit der U-Bahn fuhr, sei er nicht zurechnungsfähig gewesen. Aber was ein Fahrschein ist, wissen Sie doch, seufzt der Richter resigniert und setzt wegen Ermittlung der Schuldfähigkeit die Hauptverhandlung aus. Gesunde Sünder sind bisweilen selten.