Eins muss man Madonna Louise Veronica Ciccone lassen: Feige ist sie nicht. Geradezu lustvoll zertrümmert die Sängerin mit jeder neuen Platte das Rollenmodell, das sie mit dem Album davor gerade erst entworfen hat. "This type of modern life is not for me", singt sie ernsthaft selbstkritisch im Titelsong ihrer jüngsten CD American Life, und nun versucht sie sich auch in ihrem Nebenberuf neu zu erfinden - als Filmschauspielerin. Vielleicht, weil sie jemanden haben wollte, der sie vor zu viel geschäftsschädigenden Selbstzweifeln schützt, vielleicht, weil es einfach billiger und bequemer war, hat sie sich dafür einem Drehbuch und der Regie ihres Ehemanns Guy Ritchie überlassen. Es ist ein Remake, Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August heißt das Original von Lina Wertmüller aus dem Jahr 1974. Daraus macht Familie Madonna Stürmische Liebe, und der Film ist ein noch größerer Schiffbruch, als man bei der Titelmutation ohnehin befürchtet. Die Königin des Pop spielt ihr Alter Ego Amber, eine superreiche amerikanische Hysterikerin, die mit ihrem Mann und ein paar Freunden eine Kreuzfahrt durchs Mittelmeer macht. Sie tyrannisiert die Besatzung, bis sie beim Ausflug mit einem der kujonierten Matrosen in Seenot gerät und auf einem unbewohnten Eiland strandet. Bis hierhin hat die Selbstkarikatur des auf einem schrottreifen Hometrainer strampelnden, von zwanzig Jahren Hochleistungspopkultur deformierten Stars so viel Witz, dass man die vom Sonnenstich diktierte Kameraführung vergisst. Doch dann widerfährt dem ganzen Film, was das Presseheft allein für die beiden Hauptdarsteller verspricht: Alle werden von der "unerklärlichen Macht der Liebe überwältigt" - und alle Selbstironie wird von diesem Tsunami des Herzens hinweggespült.

Der Seemann (noch eine Familiengeschichte: Der Darsteller Adriano Giannini ist der Sohn Giancarlo Gianninis, der im Original die Hauptrolle spielte) kehrt die Rollen um und unterjocht die bourgeoise Zicke, bis im rettenden Geschlechtsverkehr der klassenlose Club Robinson in der Bretterbude mit Doppelbett verwirklicht wird. Wertmüller hatte noch ein politisches Anliegen.

Im Vergleich zum Machwerk rund um Madonna ist aber selbst das Traumschiff ein Revolutionsstreifen. Im Seichten kann man nicht ertrinken, lautet eine Weisheit aus dem Schatzkästlein der Unterhaltungsindustrie. Nun hat Madonna auch dieses Klischee zertrümmert: Man kann eben doch.