Es gibt diese atemberaubenden Filme, die aus dem Cockpit eines Hubschraubers aufgenommen sind: Er fliegt durch eine Gebirgslandschaft – durch Täler, über Gipfel, dann auf einen Berggrat zu … Und hinter diesem stürzt das nächste Tal, nein: die Welt ins Bodenlose. So ist Tauchen auf Menorca. Nur in Zeitlupe.

"Diese Unterwasserlandschaft, die hast du nirgends sonst", sagt Mike Heinelt. Er ist seit zehn Jahren Tauchlehrer und hat schon in Kroatien und Griechenland, in Ägypten, Thailand und auf Bali gearbeitet. Aber die erste eigene Tauchschule hat er mit seinem Kompagnon Christoph Albrecht auf Menorca eröffnet, in Binisafua, einem Ort im Südosten der zweitgrößten Baleareninsel. Christoph zählt noch eine Reihe weiterer Punkte auf, die Menorca für Taucher einzigartig machen: die Grotten und Höhlen (wer unter Wasser Ähnliches erleben will, muss sonst bis Mexiko fliegen); die gute Sicht in dem besonders klaren Wasser; die Fische, von denen es hier einfach mehr gibt als im restlichen Mittelmeer; Korallen und aufregende Pflanzen schon in Tiefen von weniger als zehn Metern.

Weil Mike und Christoph Bayern sind, Deutsche halt und gewissenhaft, lassen sie einen Neuling, mit dem sie noch nie getaucht sind, aber nicht gleich aufs Boot. Auch wenn dieser einen Tauchschein vorlegen kann und ein fleißig ausgefülltes Logbuch samt ärztlichem Zeugnis. Nein, erst eine Probe in der Bucht!

Und so stapfe ich in voller Montur, die Pressluftflasche auf dem Rücken und sechs Kilo Blei auf den Hüften, die 30 Meter vom Tauchzentrum zum Wasser. Die Gäste auf der Terrasse des kleinen Restaurants Club Nautico vergessen für einen Moment, ihre calamares a la plancha zu kauen.

Im hüfthohen Wasser schlüpfen wir in die Flossen, richten noch mal die Masken. "Okay?", fragt der Tauchlehrer, indem er Daumen und Zeigefinger zum Kreis schließt. "Okay!", zeige ich zurück und lege mich waagerecht ins Wasser. Und schon wenige Flossenschläge später, in zwei, drei Meter Tiefe, denke ich nur noch an das Wort Unterwasserlandschaft.

Vor mir ein Bergrücken aus porösem Tuffstein, an dessen Bewuchs kleine bunte Fische knabbern. Ich schiebe mich langsam und vorsichtig über den Grat, sehe dahinter den Talkessel mit einem blendend weißen Sandboden vier Meter unter mir.

Ich lasse mich in den Kessel sinken. Auf dem Grund müht sich eine Spindelschnecke, die schon eine lange Spur im Sand hinterlassen hat. Wir schweben weiter, einer hinter dem anderen, Christoph voran, durch einen schluchtartigen Felsspalt. Dahinter dehnen sich große Polster von Neptungras aus, die im Takt der Wellen zu atmen scheinen. Sachte wogen die geraden, hellgrünen Blätter hin und her. Neptungras wächst nur, wo das Wasser sauber ist und das Ökosystem Meer im Gleichgewicht.

Ich blicke mich um und sehe von unten die Bucht von Binisafua wie ein Amphitheater vor mir: im weiten Halbkreis die Klippen, zerklüftet und im Lauf von Jahrtausenden von den Wellen geformt, in der Mitte, sanft ansteigend, der Sandboden. Ein riesiges Aquarium, wie von einem sehr begabten Bastler modelliert. Nur ein paar Betonklötze, von denen Ankerketten nach oben reichen zu roten und gelben Bojen, erinnern uns daran, dass wir noch immer in Sichtweite des Ufers sind. Bis zu 40 Meter weit können wir sehen, so klar ist das Wasser. Das hat mit den Meeresströmungen hier an der menorquinischen Küste zu tun. Es verstärkt dieses Empfinden, dass Tauchen wie Fliegen ist.