Der französische Premier Jean-Pierre Raffarin hat sich nicht nur durch seine Rentenreform einen Namen gemacht. Aufmerksamkeit erregen vor allem seine bemerkenswerten "Raffarinades", kleine Weisheiten, die munter zwischen Trivialität und Tautologie pendeln. "Die Zukunft ist eine Summe von alltäglichen Kleinigkeiten", pflegt der Premier zu sagen. Der 54-Jährige weiß aus Erfahrung: "Das Schicksal der Jugend ist es, erwachsen zu werden."

Es war Präsident Jacques Chirac, der Raffarin aus der Provinz ins Rampenlicht zerrte. Der Mann aus dem tiefen, traditionsbewussten Frankreich kam an im Wahlkampf 2002. Raffarin hatte ganz erdverbunden in der westlichen Region Poitou-Charentes Karriere gemacht. Im Gegensatz zur Mehrheit der Politiker, die - ob links oder rechts - meist im Pariser Milieu hochgekommen sind.

Raffarin hat keine Eliteschule wie die Ecole Normale Supérieure oder die ENA besucht, sondern eine Handelsschule. Als Exdirektor einer Kommunikationsberatungsagentur versteht sich Raffarin als "liberaler Humanist", der das "Frankreich von unten" (sein Slogan im Wahlkampf) verteidigen will.

Liberal scheint er in der Tat zu sein: Er will das "Unternehmen Frankreich" nach oben bringen und glaubt, dafür auch ein Rezept zu haben. "Der Zorn der Franzosen sitzt tief", weiß der Premier. Ihre Wut rufe "nach energischen Handlungen, die bescheiden daherkommen müssen." Und hier die Methode: "Um zu reformieren, werden wir Finesse und Geometrie gebrauchen."

Im Kampf um die Rentenreformen hat dieses Verfahren noch nicht die erhofften Wirkungen gezeigt. Raffarin verspürt deshalb ein wenig Unmut über das Frankreich von unten. "Es ist nicht die Straße, die regiert", warnte er kürzlich, als die Demonstrationen lauter wurden. Über die Rentenrefom wird aber im Parlament entschieden, wo Raffarin über die Mehrheit verfügt. "Wir bekämpfen die Wurzeln des Übels", so immunisiert sich Raffarin gegen Triumphgefühle, "und der Sieg verblasst hinter der Pflicht." Wird die Rentenreform durchgesetzt, werde die Republik "überleben", verspricht er.

Ob das auch auf Raffarin als Premier zutrifft, ist ungewiss. Nach den Renten stehen die Verwaltungsreformen auf dem Programm, gegen welche die Demonstranten schon heute mobilmachen. Wie es weitergehen könnte, hat Jean-Pierre Raffarin bereits in griffige Worte gefasst: "Der Weg führt geradeaus, aber das Gefälle ist stark."