die zeit: Sie haben vor drei Jahren die Public Library of Science gegründet. Was war Ihr Motiv?

Harold Varmus: Früher waren Zeitschriften auf die traditionelle Art des Publizierens angewiesen. Das heißt: Artikel von Autoren einholen, Drucken auf Papier, Abonnements verkaufen. Heute birgt das Internet das Potenzial, die wissenschaftliche Literatur viel breiter zugänglich zu machen – für die Wissenschaftler und für die Öffentlichkeit –, indem man digitale Bibliotheken errichtet. Der größte Teil der Wissenschaft wird durch Steuern finanziert. Deshalb sind wir der festen Überzeugung, dass die Publikationen allen zugänglich sein sollten. Diese Datenbanken werden das digitale Äquivalent zur Bibliothek von Alexandria oder zum Britischen Museum sein.

zeit: Aber Ihr Appell an die Verlage, ihre Publikationen wenigstens ein paar Monate nach dem Erscheinen online zugänglich zu machen, hat nicht viel gefruchtet.

Varmus: Das stimmt. Da haben wir beschlossen: Jetzt gründen wir unsere eigenen, kostenlosen Zeitschriften und zeigen, wie das System funktionieren sollte.

zeit: Zeitschriften zu produzieren ist aber teuer – nicht wegen des Papierpreises, sondern weil der Prozess teuer ist.

Varmus: Allerdings. Wir mussten Redakteure anstellen. Die kosten Geld. Und wir haben einen Begutachtungsprozess, der Geld kostet. Kurzfristig bezahlen wir das mit einem Zuschuss von neun Millionen Dollar, den wir von der Stiftung des Computerpioniers Gordon Moore bekommen haben. Aber langfristig wollen wir die Kosten decken, indem wir von den Autoren eine bescheidene Gebühr für unsere Dienste verlangen. Das ist eine grundlegende Veränderung des Geschäftsmodells von wissenschaftlichen Zeitschriften: Statt für die Abonnements zahlen Wissenschaftler etwa 1500 Dollar für die Veröffentlichung ihrer Arbeit – wenn sie es sich leisten können. Dafür werden unsere Journals höchstes wissenschaftliches Niveau haben. PLoS Biology wird die gesamte Biologie umfassen, vom Molekül bis zum Ökosystem, und wir werden nur Arbeiten akzeptieren, die dasselbe Format haben wie Artikel, die in Zeitschriften wie Nature, Science oder Cell erscheinen.

zeit: Sie haben ein doppeltes Problem: Erstens müssen Sie die Autoren überzeugen, überhaupt in Ihrer Zeitschrift zu veröffentlichen, und dann sollen sie auch noch dafür bezahlen!

Varmus: Forscher und Institutionen bezahlen doch jetzt schon eine Menge. Wenn ich ein Paper veröffentliche, muss ich oft Gebühren pro Seite bezahlen. Mein Institut und die Bibliothek zahlen für Print-Abonnements. Das wissenschaftliche Veröffentlichungswesen läuft Amok, der ganze Prozess ist völlig verzerrt. Es gibt Journals, nicht mal besonders gute, die verlangen für ein institutionelles Abonnement bis zu 15000 Dollar pro Jahr – das ist irrational, denn es behindert den Austausch von Information zwischen den Forschern.

Der zweite Punkt ist allerdings wichtig: Wie bringen wir die wissenschaftliche Gemeinschaft dazu, eine neue Zeitschrift zu akzeptieren – besonders wenn sie sich so radikal von den bestehenden unterscheidet? Und da stellt sich heraus, dass viele Kollegen Sympathien für uns hegen und völlig mit unseren Grundsätzen übereinstimmen, aber zögern, uns ihre besten Arbeiten zu schicken. Das ist unsere größte Herausforderung: Wissenschaftler davon zu überzeugen, ein Teil der Revolutionsarmee zu werden.

zeit: Seit dem 1. Mai nehmen Sie jetzt Artikel an. Können Sie schon etwas zur bisherigen Resonanz sagen?

Varmus: Wir haben eine gute Zahl eingereichter Arbeiten – es ist schwer, sie zu beurteilen, bevor der Gutachterprozess abgeschlossen ist.

zeit: Es hat immer wieder Anläufe zu elektronischen Zeitschriften gegeben – mit mäßigem Erfolg. Die meisten haben einfach zu wenige Artikel.

Varmus: Das stimmt nicht ganz. Eine weniger bekannte, aber sehr renommierte Zeitschrift, die schon seit einigen Jahren kostenlos online erhältlich ist, ist das Journal of Clinical Investigation. Aber die Leute sehen das nicht als elektronische Zeitschrift an, weil es auch auf Papier erscheint und die meisten es in gedruckter Form lesen.

zeit: Wollen Sie Zeitschriften wie Nature und Science die Geschäftsgrundlage entziehen?

Varmus: Nein, keinesfalls. Wir werden kein Nachrichtenmagazin sein wie Nature und Science. Die sind attraktiv dadurch, dass sie auf unglaublich gute Weise wöchentlich Artikel und Nachrichten über die gesamte Wissenschaftsszene bringen. Die meisten von uns abonnieren sie deswegen. Wir wollen die Magazine dazu bringen, ihre wissenschaftlichen Originalartikel kostenlos online zur Verfügung zu stellen – und weiterhin mit ihren Nachrichten das Geschäft zu machen. Außerdem gibt es mindestens 6000 biomedizinische Zeitschriften, da ist bestimmt noch Platz für ein paar mehr. Wir wollen mit einem kostenlosen, in erster Linie elektronischen Journal Erfolg haben. Aber das wirkliche Ziel ist es, die Art und Weise zu transformieren, wie Wissenschaft kommuniziert wird, sodass auf lange Sicht alle Zeitschriften unser Geschäftsmodell übernehmen. Die meisten Forschungsartikel in den USA kosten rund 200000 Dollar. Man sollte es als Teil der Kosten eines modernen Forschungsbetriebs betrachten, wenn man 1500 Dollar draufschlägt dafür, dass die Arbeit überhaupt nutzbar, lesbar und anderen zugänglich wird und die Daten von anderen ausgewertet werden können.

zeit: Der Wissenschaftschef des Elsevier-Verlags, Derk Haank,hat gesagt …

Varmus: Das ist der Teufel!

zeit: …jedenfalls sagte er, er sympathisiere mit Ihrer Idee, aber man müsse dafür nicht die gesamte Branche umkrempeln. Derk Haank will lieber das Geld nehmen, das die Bibliotheken heute für die Zeitschriften-Abonnements ausgeben, und es dafür einsetzen, dass jeder Wissenschaftler Zugang zu den Artikeln hat, die er braucht.

Varmus: Das ist lächerlich. Leute wie Haank haben die Bibliotheken erpresst, indem sie sie gezwungen haben, einen ganzen Stapel von Zeitschriften zu abonnieren, um die eine zu bekommen, die sie eigentlich haben wollten. Wissenschaftsverlage wie Elsevier wollen das Copyright nicht aufgeben, das ihnen die Autoren der Artikel geschenkt haben. Diese Leute errichten Barrikaden gegen die Schaffung einer digitalen Bibliothek mit alten Artikeln. Da mache ich einen Unterschied zu anderen Verlagshäusern oder zu wissenschaftlichen Gesellschaften, die Zeitschriften herausgeben. Aber auch die werden sich verändern müssen.

zeit: Können Sie einem jungen Forscher, der ein großartiges Paper hat, wirklich empfehlen, es in Ihrer neuen Zeitschrift zu veröffentlichen?

Varmus: Die Frage ist eher: Wie überzeuge ich ihn davon? Und das ist wirklich schwierig. Wir sind alle sehr faul geworden und schauen zu sehr darauf, in welcher Zeitschrift eine Arbeit veröffentlicht wird, anstatt den Artikel zu lesen und seinen wissenschaftlichen Beitrag zu verstehen.

zeit: Aber das ist ja auch eine Art Filter.

Varmus: Ja, aber ein sehr ungerechter Filter. Wenn Sie zurückschauen und mit einem Abstand von fünf bis zehn Jahren beurteilen, welche wissenschaftliche Bedeutung eine Arbeit gehabt hat, dann finden Sie eine Menge sehr einflussreicher Arbeiten, die nicht in den drei oder vier großen Zeitschriften veröffentlicht worden sind. Und unsere professionellen und wissenschaftlichen Redakteure, die wir für die PLoS verpflichtet haben, werden innerhalb kürzester Zeit Journals auf die Beine stellen, die mindestens genauso renommiert sind wie jedes andere.

Die Fragen stellte Christoph Drösser

Harold Varmus erhielt für seine Forschungen über Krebsgene im Jahr 1989 den Nobelpreis für Medizin. Von 1993 bis 1996 war er Chef der Nationalen Gesundheitsinstitute (NIH) der USA. In dieser Zeit rief er die Online-Datenbank PubMed Central ins Leben. Heute leitet der 63-Jährige das Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York