Vielleicht war es der Elch. Der kleine, mit Körnern gefüllte Stoff-Elch. Der Elch war das Symbol dafür, dass über alles geredet werden sollte. Auch über Unangenehmes. Über Merkwürdiges, das vor aller Augen geschieht, aber das sich niemand traut, anzusprechen. New York Times- Herausgeber Arthur Sulzberger junior brachte den kleinen Stoff-Elch oft zu Sitzungen mit und stellte ihn vor sich auf den Tisch. Auch zu jenem Redaktionstreffen im Mai, das die Zeitung erschütterte, in einem Kino am Times Square, ein paar Schritte vom Haupthaus der altehrwürdigen Zeitung entfernt. Hier probte die Redaktion den Aufstand gegen Howell Raines, den ungeliebten Chefredakteur. Und siegte. Am 5. Juni traten Raines und sein Stellvertreter Gerald Boyd zurück, nach Wochen quälender Debatten über Jayson Blair. Blair, der junge, schwarze Reporter, Raines’ Protegé, der viele seiner Geschichten einfach erfunden hatte. Bis er aufflog. Daraufhin ging Raines in die Offensive und stellte Blair an den Pranger und schrieb, alles sei Blairs Schuld und nur Blairs. Das war auch falsch.

Sulzberger rief Raines’ Vorgänger Joseph Lelyveld aus dem Ruhestand zurück, um den Hühnerhaufen, in den sich die Times verwandelt hatte, zu beruhigen. Seitdem rätselt nicht nur New York über viele Fragen: Wie konnte ein junger Reporter die Times so an der Nase herumführen? Sind solche Methoden – plagiieren, fälschen – üblich? Wer wird neuer Chefredakteur, welchen politischen Kurs nimmt die Times? Geht die Ära Sulzberger junior zu Ende? Ultrarechte Radiotalker wie Rush Limbaugh oder Murdochs Weekly Standard, das Zentralorgan der Neokonservativen, schießen sich auf den Herausgeber ein, der trotz seiner 51 Jahre als "Junior" gilt.

Vor elf Jahren hat Sulzberger die Times übernommen, das altehrwürdige Flaggschiff der New York Times Company, 152 Jahre alt, seit 1896 in Familienbesitz. "Von dem Moment an, als er Herausgeber wurde", so Susan Tifft und Alex Jones in The Trust, "hämmerte er lautstark, wie ein Silberschmied, die New York Times in eine Form, die seine Werte, seine Überzeugungen, seine Persönlichkeit reflektierte." Sulzberger, der mit der Studentenbewegung, mit Grateful Dead, den Doors aufgewachsen war, der bei Protesten gegen den Vietnamkrieg verhaftet wurde und der noch heute lieber seine BMW-Geländemaschine fährt als die Firmenlimousine, modernisierte die "alte graue Lady". Er brachte die Times ins Internet und gründete Times TV. Er machte die Zeitung liberaler, als manche Stammleser es vertrugen. Er holte einen schwulen Chefredakteur für das Sonntagsmagazin und nahm schwule Lebenspartner in die Betriebskrankenkasse auf. Er beförderte eine Frau zur Managerin des Konzerns, eine andere zur Leiterin der Meinungsredaktion, engagierte einen schwarzen Kolumnisten und die erste schwarze Kulturkritikerin. Jayson Blair ist ein Produkt der Sulzberger -Times. Auch Gerald Boyd, der erste schwarze Chef vom Dienst.

"Es ist schwer, sich eine Szenerie in der wirklichen Welt vorzustellen, in der Sulzberger seinen jetzigen Job bekommen hätte", schrieb der Weekly Standard. Der Standard meint das böse, aber es stimmt auf andere Art. Sulzberger ist ein schmaler, sanfter Mensch, mit einem funkelnden Wortwitz, voller Ideen, der sagt, Kommunikation sei das Wichtigste. Keiner dieser Machtmanager wie Michael Eisner oder Rupert Murdoch. So jemand glaubt vielleicht, er brauche jemanden wie Howell Raines. Brachial, selbstbewusst, entschieden. "Flood the Zone" war Raines’ Kampfruf. Überflutet das Kriegsgebiet mit Reportern. Raines galt als liberal, aber das stimmt nicht wirklich. Raines wollte den Krawall. Er forderte den Kopf von Bill Clinton, als die Lewinsky-Affäre losbrach. Unter seiner Regie bauschte die Times den vorgeblichen Spionagefall um den chinesischen Wissenschaftler Wen Ho Lee auf und brachte Henry Kissinger gegen George Bush in Stellung.

Raubfische im Korallenriff

Die Times, bei der 1200 Redakteure arbeiten, ist ein hochkomplexes Gebilde mit zahllosen Fürstentümern, Exzentrikern und Ressortleitern, von denen manche nicht miteinander reden. Bei der Times wird niemals jemand entlassen, allenfalls in einen Elfenbeinturm befördert. "Die Times", sagte einer ihrer Kolumnisten, "ist wie der Kreml. Ich habe keine Ahnung, wie dort Entscheidungen getroffen werden, und es gruselt mich jedes Mal, wenn ich vorbeilaufe." Kritik, Scheinwerferlicht, das verträgt sie gar nicht gut. Blair selbst beschrieb die Times als Haifischbecken, aber sie ist eher ein mit Möchtegernraubfischen übervölkertes Korallenriff.

Die Times, so wie Raines sie haben wollte, war anders: laut, bunt, schnell, peppig. Das Wichtigste war, immer vorn zu sein mit der Geschichte. Raines selbst überschritt rasch die Grenze von meinungsstark zu arrogant. Leitende Redakteure wie Lokalchef Jonathan Landman, die auf Detailgenauigkeit pochten und darauf, Stammleser nicht vor den Kopf zu stoßen, stufte er als langweilig ein. Reporter, die nicht zu seinen Günstlingen gehörten, verließen die Zeitung in Scharen. Das größte Rätsel ist, wie ein Verleger wie Sulzberger, der Offenheit zum Motto erhoben hat, so lange Raines die Treue hielt, der offensichtlich nicht zuhören konnte.

Dass der Fall Jayson Blair – der mehr mit Günstlingswirtschaft zu tun hat denn mit dem Fälschen von Fakten – gerade jetzt passiert, ist merkwürdig. Damit wären wir wieder bei dem Elch, der mitten im Raum steht und über den keiner redet. Gerade erwacht die US-Presse aus einer anderthalb Jahre dauernden Agonie. Nach dem 11. September, als Bush plötzlich populär wurde und in den Krieg zog – erst Afghanistan, dann Irak –, wagte kaum eine Zeitung, ein Reporter Kritik zu üben, und wer es tat, verlor oft genug seinen Job. Verbindungen zwischen Saddam Hussein und al Qaida? Massenvernichtungswaffen im Irak? Die angeblich heldenhafte Befreiung von Jessica Lynch? Bushs wag the dog- Landung auf dem Flugzeugträger? Die Medien schluckten brav, was Washington ihnen vorkaute.