Wir hätten ihr die Ruhe in ihrer Glasvitrine von Herzen gegönnt, denn schon das irdische Leben der Pharaonengattin Nofretete war aufregend genug. Doch nun ist um die hohe Dame, die seit 1924 viele Millionen Besucher in Berlins Ägyptisches Museum gelockt hat, ein Skandal entbrannt, der erneut beweist, dass schönen Frauen nur selten Glück beschert ist. Leider wecken sie in den Männern düstere Begehrlichkeiten.

Da trat zunächst ein ungarisches Künstlerduo auf den Plan, das einen gemeinsam modellierten Frauenkörper partout mit der 3000 Jahre alten Kalksteinbüste der Nofretete vereinigt sehen wollte – als Beitrag für die derzeitige Biennale in Venedig. Die Botschaft lag auf der Hand: Den Orient mit dem Okzident verbinden, die Antike mit der Neuzeit. Dieser überaus originelle Einfall verleitete Dietrich Wildung, den Direktor des Ägyptischen Museums in Berlin, die Lady mit dem Schwanenhals aus ihrem gläsernen Schrein zu holen und in den Dienst der Kunst zu stellen. Nur: Die kopflose Ungarin war völlig nackt und die saloppe Performance in den Augen der Ägypter ein höchst entehrender Vorgang für eine ehemalige Königin vom Nil.

So jedenfalls sah es Zahi Hawwas, Chef der ägyptischen Antikenverwaltung. In der Kairoer Presse entfachte er einen gewaltigen Empörungswirbel, und es gelang ihm sogar, zwei Minister in den Dienst seiner Entrüstung zu stellen. Der schlaue Hawwas witterte die Gunst der Stunde, denn schon lange fordert Ägypten die Rückgabe der Nofretete-Büste. Nun sollte die Diffamierte schnellstens dem schamlosen Westen den Rücken kehren und die Heimreise antreten.

So viel Aufregung hätte die Große Königliche Gemahlin, wie Nofretetes offizieller Titel am Hofe lautete, gewiss in Erstaunen versetzt. Mehr als einmal hatte der begnadete Bildhauer Tuthmosis ihre Majestät ohne einen einzigen Faden am Leibe modelliert. Und wenn sie, wie auf zahlreichen Reliefs zu sehen, dem Künstler in zarten Gewändern Modell saß, zeigen diese nur umso deutlicher, was sie zu verhüllen vorgeben.

In der Übersetzung bedeutet der Name Nofretete "Die Schöne ist gekommen". Doch woher genau die Lieblichste der Frauen kam, ist bis heute unklar. Zwar ist sie populärer als jede andere weibliche Gestalt der Antike, doch ihr Lebenslauf bleibt lückenhaft, daran haben auch anderthalb Jahrhunderte Archäologie am Nil nichts geändert. War sie Ägypterin oder gar eine Prinzessin aus einem der benachbarten Königreiche, deren Herrscher ihre Töchter dutzendweise in den Harem des Pharaos entsandten?

Weder Nofretetes Geburts- noch ihr Sterbedatum ist bekannt. Wissenschaftler gehen jedoch davon aus, dass sie während Echnatons 17-jähriger Regierungszeit in der Mitte des 14. Jahrhunderts vor Christus immer seine Hauptfrau war und daher weit Wichtigeres zu tun hatte, als mit graziler Schönheit ihren schwierigen Mann zu erfreuen, den Revolutionär und religiösen Eiferer auf dem Pharaonenthron.

Skulpturen und Wandbilder zeigen aber weit mehr als Nofretetes delikate Schönheit. Sie dokumentieren vor allem ihre starke Stellung am Hof, gleichberechtigt neben ihrem königlichen Gemahl. Einmal sieht man sogar, wie die feingliedrige Schöne die Feinde Ägyptens an den Haaren packt und mit einer Keule vermöbelt. Diese symbolische Geste zum Thema Krieg und Sieg war bis dato ausschließlich dem Pharao vorbehalten. Einige Ägyptologen gehen sogar davon aus, dass Nofretete – wenngleich unter anderem Namen – zunächst als Echnatons Mitregentin reüssierte und nach seinem Tod einige Jahre selbst als Pharao herrschte.

Nun glaubt die Forscherin Joann Fletcher, dass sie im Tal der Könige bei Luxor die lange gesuchte Mumie der weltberühmten Beauty gefunden hat. Mit schweren Kopfverletzungen allerdings, die einen gewaltsamen Tod nahe legen. Aber wollen wir Nofretete wirklich als Mumie sehen? Und sie posthum ihrer viel gepriesenen Schönheit berauben? Deshalb schlagen wir einen anderen Weg vor. Nofretetes Büste bleibt in Berlin, denn der Ausgräber Ludwig Borchardt hat sie 1912 rechtmäßig erworben und nicht heimlich in einer Nacht- und Nebelaktion gestohlen. Der Direktor des Ägyptischen Museums lässt künftig die Finger von Nofretetes Vitrine und Zahi Hawwas in Kairo beschwichtigt seinen Zorn. Sonst nämlich müssten wir ihn daran erinnern, wie kaltblütig er vor einem Jahr die Welt per Fernseh-Direktübertragung genarrt hat, als er sein albernes Roboterchen durch die Cheops-Pyramide rollen ließ.