Der Irak-Feldzug ist noch nicht wirklich zu Ende, und schon erscheinen erste Berichte von Kriegsreportern, die noch von der Aura des Augenzeugen zehren. Wolfgang Sofsky hat daheim am Schreibtisch ein Tagebuch verfasst, das die Chronik dieses angekündigten Krieges mit fundierter Ideologiekritik und Gesellschaftstheorie anreichert. Der Soziologe ist spürbar beeindruckt von der Lehrstunde blanker Macht, die der amerikanische Hegemon Saddam Hussein und dem Rest der Welt erteilt hat. Der Bericht beginnt am 11. Januar mit einer poetischen Schilderung des Auslaufens der Royal Navy aus Portsmouth: "Es war ein wunderschöner Tag, um in den Krieg zu ziehen." Er endet mit dem Fall von Tikrit und der Hoffnung, "daß der Siegeszug der fremden Macht zuletzt doch neue Freiheiten mit sich gebracht hat". Angehängt ist eine knappe Chronologie und eine Liste der Zeitungs- und TV-Quellen, auf denen das flüssig geschriebene "Journal eines Zeitgenossen" beruht.

Lesen sollten es die Apokalyptiker, die neulich den Weltuntergang kommen sahen, aber auch die Ultra-Atlantiker, deren devotes Geschwätz der Autor vorführt. Beiden demonstriert er, was Macht wirklich ist, die derlei nicht benötigt und überhaupt auf Legitimation pfeift. Sofsky hat in seinen früheren Büchern die Mechanik von Gewaltverhältnissen seziert, jetzt breitet er ebenso kühl die existenzielle Dimension und das absolute Wagnis des Krieges aus: "Der moralische Diskurs hat große Mühe, auf der Höhe der Zeit zu sein. Die Wirklichkeit der Macht eilt der Moral weit voraus." Er möchte eine Lektion in "Realismus" geben. Während Alt-Europa auf Moral und Diplomatie setzte, habe die Kriegskoalition "den Sprung aus der bedächtigen Welt der Worte in die Welt der Körper und Taten" vollzogen.

Sofsky beschreibt das Dilemma der Waffenkontrolleure: "Wie kann man beweisen, daß etwas nicht existiert, wenn die Gegenseite auf der Behauptung beharrt, das Objekt des Anstoßes sei nur rechtzeitig versteckt worden? Wie kann man etwas belegen, das es nicht gibt? Und wie kann man sichtbar machen, was überhaupt nicht vorhanden ist?" Das ist heute noch die Frage, aber Sofsky ist an einer Antwort darauf nicht wirklich interessiert. Er widmet sich der untergehenden orientalischen Despotie und der Blamage des Antiamerikanismus, widerlegt die "Nahostexperten", ohne sie überhaupt namentlich zu erwähnen.

Am besten gelungen sind die essayistischen Passagen über das Verhältnis von Waffentechnologie, Kriegsgewalt und Demokratie. Gegen den Strom der neudeutschen Luftkriegsrhetorik lobt er die Präzisionswaffen als humanitären Fortschritt und Wiederherstellung des Primats der Politik: "Die Kriegswaffen sollen nicht nur die eigenen Verluste, sondern auch diejenigen der Gegenseite in Grenzen halten. Der Massentod hilfloser Kinder und Frauen untergräbt auch die Kampfmoral der Soldaten. Der Glaube, für eine gerechte Sache zu kämpfen, ist dahin, wenn es immer nur Unbeteiligte trifft." Wer die Diktatur chirurgisch ins Herz trifft, suche "den alten Unterschied zwischen Krieger und Bürger, zwischen militärischen und zivilen Zielen wiederherzustellen. Die Rationalisierung der Technik senkt nicht nur die Kosten der Destruktion, sie spekuliert auf die Rechtfertigung des Krieges." Solche Dialektik kannte man bisher von angelsächsischen Kriegstheoretikern. Der Krieg war auch ein Bildersturz, bei dessen Schilderung Sofsky kräftige Bilder gelingen – und erstaunlich präzise Nacherzählungen, bei denen man sich angesichts der Quellenlage häufiger den Konjunktiv gewünscht hätte.

Sprachmacht und Reflexionsniveau heben den Schreibtischreporter aus der Masse des (so oder so) "eingebetteten" Journalismus hervor, aber dem Buch fehlt etwas: wirkliche Radikalität. Statt mitschreibend auf Bagdad und Tikrit vorzurücken, hätte Sofsky am Ende analytisch zurücktreten und genauso unerbittlich Fehler, Lügen und Schwächen beim Siegeszug der Macht aufspießen müssen, doch ist er der Supermacht und dem Utopismus der neokonservativen Kriegsherren erlegen. Zur amerikanischen Demokratie kann man sicher nicht dieselbe politische Distanz halten wie zu Saddam Hussein, wohl aber die gleiche Stringenz der Analyse. Eine wirklich radikale Position arbeitet sich nicht nur an der Dürftigkeit Alt-Europas ab, sie greift auch die imperiale Präpotenz Amerikas an.