Wie arm werden Historiker sein, die dereinst das Gefühlsleben im digitalen Zeitalter erforschen wollen. Denn wo E-Mails und SMS-Botschaften zum bevorzugten Medium der Mitteilung werden, scheint die Briefkultur dem Untergang geweiht. Die aber war, wie uns Peter Gay gelehrt hat, die wichtigste Ausdrucksform Liebender im bürgerlichen Zeitalter – eine Quelle von einzigartigem Reiz. Der emeritierte Yale-Professor ist unbestritten der bedeutendste Kulturhistoriker der Gegenwart. Als er 1923 als Kind einer assimilierten jüdischen Bürgerfamilie in Berlin geboren wurde, hieß er noch Peter Fröhlich. Den Namen änderte er, nachdem es seinen Eltern und ihm Ende April 1939 gerade noch gelungen war, Nazi-Deutschland zu verlassen und über Kuba in die USA zu emigrieren. Der hoch begabte junge Mann machte seinen Highschool-Abschluss, studierte an der Columbia University und begann eine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere.

Die Spannweite seines Werkes ist beeindruckend. Nach der Promotion über Eduard Bernstein, den SPD-Theoretiker, widmete er sich zunächst in zahlreichen Publikationen der Epoche der Aufklärung in Europa. Es folgte ein Abstecher ins Kulturleben der Weimarer Demokratie: Weimar Culture (1968; auf Deutsch 1972 unter dem Titel Die Republik der Außenseiter erschienen).

In den siebziger Jahren ließ sich Gay, ungewöhnlich für einen bereits Fünfzigjährigen, zum Psychoanalytiker ausbilden und suchte fortan, Geschichtsschreibung mit seinem neuen Interessenfeld zu verbinden. Frucht dieser Bemühungen war vor allem seine zu Recht hoch gerühmte Freud-Biografie (1988), die den Versuch unternahm, den komplexen Zusammenhang von Leben und Theorien zu erhellen.

Den Höhepunkt seines Schaffens aber stellt die fünfbändige, zwischen 1984 und 1998 entstandene Erfahrungsgeschichte des langen 19. Jahrhunderts dar. Von der Sexualität (Erziehung der Sinne) über die Liebe (Die zarte Leidenschaft), den Aggressionstrieb (Kultur der Gewalt), die Selbsterforschung (Die Macht des Herzens) bis zum Umgang mit Kunst (Bürger und Bohème) hat Gay alle Aspekte des bürgerlichen Gefühlsinventars erkundet und dabei mit manchen Klischees aufgeräumt, etwa jenem von der "prüden" viktorianischen Epoche. Systematischen Argwohn hegt der bekennende Freudianer gegenüber dem, was scheinbar offen zutage liegt. "Historischen Porträts, die auf der Ebene des manifest Erlebten verbleiben, ohne in die verborgenen Schichten des Seelenlebens vorzudringen, entgeht vieles", lautet sein Credo. Stupende Gelehrsamkeit verbindet er mit einer leserfreundlichen Prosa, der auch Witz und Ironie nicht fremd sind.

In seiner Autobiografie My German Question (1998) beschrieb Gay die Jahre seiner Kindheit und Jugend in Berlin, indem er die Techniken schonungsloser Selbstanalyse nun auch auf seine eigene Vita anwandte. Für dieses aus der Erinnerungsliteratur zum „Dritten Reich“ herausragende Buch bekam er 1999 den Geschwister-Scholl-Preis der Stadt München. Seine Dankesrede sorgte für Aufregung, denn er vermied jede (bei solchen Gelegenheiten übliche) Versöhnungsrhetorik: „Es ist keineswegs meine Absicht, es Ihnen leicht zu machen.“ Leicht hat es sich aber auch Peter Gay selbst nie gemacht. Am 20. Juni wird er achtzig Jahre alt.