Ärzte laufen Sturm gegen die Gesunheitsreform. Sie sprechen von "Zwei-Klassen-Medizin", von "Planwirtschaft" und davon, dass sie zu "Befehlsempfängern des Staates" werden sollen. Es ist Sommer 1992, und der Minister heißt Horst Seehofer.

Heute, elf Jahre später, wird wieder um eine Reform gekämpft. Die Regierung hat gewechselt. Im Kabinett ist die Sozialdemokratin Ulla Schmidt für Gesundheitspolitik zuständig. Wieder laufen die Ärzte Sturm – und mit ihnen Horst Seehofer von der CSU.

Seehofer hat seiner Nachfolgerin nichts geschenkt in den vergangenen Wochen. "Flickwerk" kommentierte er die Ankündigung, die Tabaksteuer zugunsten der klammen Krankenkassen zu erhöhen. Schmidts Berater nannte er "unglaubwürdig". Und als bekannt wurde, dass die SPD das Sterbegeld abschaffen und das Krankengeld von den Arbeitnehmern allein versichern lassen will, polterte er, die Ministerin habe wohl "nicht alle Tassen im Schrank". Auch früher schon gebrauchte der Bayer gern kraftvolle Worte, zumal wenn – wie derzeit im Freistaat – Wahlen kurz bevorstanden. Im Alltag konzentrierte er seine Verve weitgehend auf die weiße Zunft. Penibel rechnete er, der nach der Mittleren Reife die Münchner Verwaltungsakademie mit Elite-Examen abschloss, den Krankenhausärzten und Kassenchefs vor, wo sie gefälligst zu sparen hätten.

Davon ist inzwischen keine Rede mehr. Heute kommt es vor, dass der Sparkommissar von einst das "Diktat der Ökonomie" in der Patientenversorgung beklagt. Der Nachwuchsstar aus dem Kabinett Helmut Kohls sagt auch, er habe nun gelernt, als Politiker seinen Ehrgeiz im Zaum zu halten; er müsse nicht mehr ein Treppchen nach dem anderen erklimmen. Vor ein paar Wochen drohte er im parteiinternen Streit um Sozialreformen, seine Ämter niederzulegen. Nun krachte es erneut in der Union, diesmal wegen der Gesundheit. Der CSU-Mann fand den CDU-Kurs zu scharf. War das Wahlkampf mit besonders subtilen Waffen, oder hat sich Horst Seehofer wirklich anders besonnen?

Eine Herzmuskel-Entzündung hätte ihn vor eineinhalb Jahren fast das Leben gekostet. Wochenlang lag er daheim im Ingolstädter Klinikum mit einer verschleppten Virus-Infektion, einem Herzen, das nur noch zehn Prozent Pumpleistung brachte. Als er im vergangenen Sommer wieder aus dem Krankenlager aufstand, hatte er ein Zehntel seines Körpergewichts eingebüßt. Er war noch 92 Kilo schwer.

Inzwischen wiegt er 96 Kilo, und findet schon das zu viel. Jetzt achtet der 53Jährige auf seine Gesundheit. Das Wort "vegetarisch" klingt zwar aus dem Mund des Bayern fast so wie "Fegefeuer", aber für ihn selbst scheint der Begriff seinen Schrecken verloren zu haben. Seehofer, der noch als Gesundheitsminister nichts auf das heimische Schlachtvieh kommen ließ, isst heute nur noch selten Fleisch.

"Wenn alle Patienten so wären wie Horst Seehofer, könnten wir uns glücklich preisen", attestiert ihm Professor Conrad Pfafferott, Chefarzt am Klinikum. Minutiös habe sich der Exgesundheitsminister an die Anweisungen des Pflegepersonals gehalten: "Treppensteigen, Belastungstraining, Radlfahren." Bis heute besucht er den Professor regelmäßig zum Check-up. Man darf annehmen, dass sie nicht nur über Herzwerte reden, sondern auch über Gesundheitspolitik. Aber kann ein Klinikaufenthalt eine solche Katharsis bewirken?

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