die zeit: Alle in Europa rufen nach den UN für den Irak und andere Krisengebiete. Sie haben zehn Jahre Erfahrung mit den Vereinten Nationen im zerstörten Jugoslawien gemacht. Ist dieser Ruf sinnvoll?

Doraja Eberle: Wir sollten die UN nicht als einzige Rettung herbeizitieren. Sie sind zwar stets vor Ort und stehlen so gewissermaßen allen anderen die Show mit den riesigen UN-Lettern auf Autos und Zelten. Ich selbst aber habe die Erfahrung gemacht, dass es oft gar nicht die Vereinten Nationen oder ihre Flüchtlingsorganisation UNHCR sind, die Leben retten oder erhalten. Es sind zuvörderst ganz andere Gruppen, meist klein, privat und unabhängig, die das tun. Denn sie schaffen es, die Treue zu halten.

zeit: Was meinen Sie mit Treue halten?

Eberle: Man muss die Menschen kennen, um ihre Würde zu respektieren. Das fällt schwer, wenn man bedenkt, dass der UNHCR in 114 Ländern vertreten ist. Er wirbt mit dem Slogan "50 Millionen Flüchtlinge gleich 50 Millionen Erfolgsgeschichten". Wenn ich das höre, wird mir schlecht. Kein einziger Mensch in Bosnien oder im Irak, der in einem Zelt leben muss, ist eine Erfolgsgeschichte. Das Problem solcher Großorganisationen ist, dass sie nicht abschätzen können, wann Ende sein muss, wann einer nicht mehr Flüchtling sein darf. Die kleinen Organisationen können die Flüchtlinge viel schneller aus den Zelten rausholen und in die Selbstständigkeit entlassen. UN und Co. sind gut für die Anfangshilfe, dann sollten die Kleinen übernehmen.

zeit: Wieso klappt es nicht mit der Nachhaltigkeit?

Eberle: Laut Statut ist es zum Beispiel die Aufgabe des UNHCR, den Flüchtlingen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Ein Zelt gilt da schon als menschenwürdig, weil es besser als ein Erdloch ist. Überdies vergibt der UNHCR ausschließlich non-food items. In Bosnien sieht das so aus: Plastikbahnen, Zelte, blaue Zahnputzbecher, blaue Teller, manchmal ein Besteck, manchmal Betten, aber oft ohne Matratzen, einen alten Ofen oder gar ein Aggregat. Mit diesen Gaben kommt man nie aus dem Flüchtlingsstatus heraus. Dazu braucht man ein sicheres Dach überm Kopf, Wärme, eine Zukunft, die aus Saatgut, Tieren oder Kleinbetrieben besteht. Spricht man die UNHCR-Leute darauf an, sagen sie: Sorry, das ist nicht unser Mandat.

zeit: Warum engagieren sich die Großorganisationen trotz üppiger Budgets und besserer Ausstattung oft nicht dort, wo die Not am größten ist, zum Beispiel in den entlegenen Dörfern?