Der Armeekonvoi rumpelt an der Kathedrale St. Mary’s vorbei, als der Erzbischof auf das Foto von Oscar Romero deutet. Es hängt in seinem Büro schräg gegenüber eines Gemäldes der heiligen Theresia von Avila. Romero war ein Befreiungstheologe in El Salvador; er wurde im Jahre 1980 bei der Lesung einer Totenmesse ermordet. Die Militärs biegen in die Ninth Avenue vor der Kathedrale ein, zwei Schützenpanzer, hinterdrein ein Lastwagen voller Soldaten, die mit ihren Kalaschnikows fuchteln. "Es ist Krieg", sagt Pius Ncube, der Erzbischof von Bulawayo, "ein Krieg gegen das eigene Volk." Der Feind, das sind Leute wie er, Bürger von Simbabwe, die sich gegen ein Regime wehren, "das foltert und mordet und die Menschen verhungern lässt".

Kräftige Gestalt, kardinales Auftreten, milde Züge, feste Stimme. Pius Ncube sieht genauso aus, wie man sich einen katholischen Oberhirten vorstellt. Was man sich nicht vorstellen kann: dass es diesem Mann ergehen könnte wie Oscar Romero. Aber auszuschließen ist das in Simbabwe heutzutage nicht mehr – er wäre nicht der Erste, dem eine schwarze Katze über den Weg läuft. So redet der Volksmund, wenn jemand bei einem mysteriösen Verkehrsunfall stirbt, wenn Gift in seinem Essen ist oder wenn Steine vom Himmel fallen. Pius Ncube gehört in den Augen der Mächtigen zu den gefährlichen Volksaufwieglern. "Ich werde bespitzelt und bedroht. Präsident Mugabe hat gesagt, er werde mir die Hoden abschneiden lassen." Es will nicht zu dem frommen Mann passen, aber in diesem Moment saust seine Faust auf den Schreibtisch nieder. "Es reicht! Wir können nicht mehr schweigen. Wir müssen aufstehen!"

Aufstehen gegen eine Regierung, die Simbabwe an den Rand des Abgrunds gebracht hat. Das war nicht einfach, wenn man bedenkt, dass das Land reich gesegnet ist mit fruchtbarer Erde, Bodenschätzen und einem enormen touristischen Potenzial. Aber Staatschef Robert Mugabe und seine Partei, die Zanu-Pf, haben es in den 23 Jahren seit der Unabhängigkeit geschafft. Die Bilanz der Selbstzerstörung: Zwei Drittel der zwölf Millionen Simbabwer leben in Armut, 70 Prozent haben keine Arbeit. In den Fabriken stehen die Räder still. Die Inflationsrate beträgt 269 Prozent. Der Staat ist bankrott, die Zentralbank hat nicht einmal mehr das Geld, um Geld zu drucken. Die so genannte Landreform, also die Zwangsenteignung und Vertreibung weißer Großfarmer, hat der Volkswirtschaft endgültig das Rückgrat gebrochen. Die Felder liegen brach, die Gehöfte verfallen, in den Silos ist kein Scheffel Getreide mehr. Millionen hungern. In Simbabwe, einer der Kornkammern Afrikas.

Man hatte mich gewarnt, im Hotel seien Spitzel. Ich bin der einzige Gast

"Dieser Hitler hatte nur ein Ziel: Gerechtigkeit für sein Volk… Wenn Hitler so war, bin ich ein zehnfacher Hitler", sagt der Präsident über sich selbst.

Leere Straßen, verwaiste Marktstände, wenige Fußgänger. Ein paar Autos huschen über die Kreuzungen, die Soldaten sind in die Kaserne am Stadtrand zurückgekehrt. Sonntag in Bulawayo. 620000 Einwohner, der Handelsknoten und das Kulturzentrum im Süden Simbabwes, viktorianische Häuserzeilen, prächtige Parks, Wasserspiele, Kunstmuseum, Theater. Die Turmuhr vor der City Hall tönt wie der Big Ben in London. Es gibt sogar ein Philharmonisches Orchester. Und Radwege – eine Sensation auf diesem Erdteil. Die Avenuen sind breit, viel breiter als etwa der Ku’damm, und militärgerecht angelegt, die britischen Kolonialherren haben weit vorausgedacht. Richtig schön ist Bulawayo eigentlich nur im Frühjahr, wenn die Jacaranda-Bäume ausschlagen und die Stadt ihren violetten Blütenrock anlegt. In dieser farblosen Jahreszeit – es ist Winter auf der Südhalbkugel – erinnert sie eher an ein englisches Provinznest. Aber da sind dieser immerzu wolkenfreie, gänseaugenblaue Himmel und das bernsteingelbe Licht, das jetzt, am Spätnachmittag, die Stadt durchglüht.

Man hatte mich gewarnt. Im Selborne Hotel treiben sich jede Menge Spitzel herum, sei auf der Hut! Ausländische Augenzeugen sind unerwünscht, der Korrespondent vom englischen Guardian wurde erst neulich aus dem Land gejagt. Ich kam zufällig zusammen mit einem amerikanischen Millionär an, der zwei Elefantentöter im Reisegepäck hatte, und der Zollbeamte am Flughafen erkundigte sich, ob ich auch ein Großwildjäger sei. Ich sagte ja. Offenbar wirkten meine Safari-Uniform und der Krügerhut recht überzeugend. Im Selborne bin ich der einzige Gast. Zur Einstimmung die allabendliche Propagandaschau des Staatsfernsehens: Kriegslieder und Tänze aus der Zeit des chimurenga, des Befreiungskrieges gegen die Rhodesier, schwarze Buschkämpfer, brennende Farmen, Erinnerungen von Veteranen. Im Restaurant löffelt ein einsamer Prediger der Sekte Jesu Blut seine Suppe. "Das Ende ist nah", raunt er, "Gott will es so."

Morgen früh soll der Massenprotest beginnen. Zvakwana! Genug ist genug, lautet das Motto des Movement for Democratic Change, der stärksten Oppositionskraft im Lande. Mugabe und seine Kohorten haben den MDC im Vorjahr um einen klaren Wahlsieg betrogen und viele seiner Mitglieder und Anhänger totgeschlagen. Nun setzt die Bewegung auf die Gegenmacht des Volkes: zivilen Ungehorsam, Streiks, Boykotts, Demozüge. Eine Verschwörung "britischer Imperialisten und der schwulen Banditen in Downing Street Nr. 10", lesen wir in der Sonntagsausgabe des Chronicle, der einzigen Tageszeitung aus Bulawayo. Die Regierung spricht von einem Umsturzversuch; sie kündigt an, jeden Protest mit eiserner Faust zu ersticken.