Eine "Kulturkatastrophe ohnegleichen in der modernen Geschichte", ein Verlust wie nach dem Brand der Bibliothek von Alexandria: So wurde die Plünderung des irakischen Nationalmuseums unmittelbar nach dem Fall von Bagdad kommentiert. Fernsehbilder von leer geräumten Galerien, verwüsteten Archiven und zertrümmerten Schaukästen wühlten die Weltöffentlichkeit auf. Bis zu 170 000 Objekte seien zerstört oder verloren, ließen sich Bagdader Museumsleute zitieren.

Da konnten auch schrille Töne angemessen erscheinen. Die amerikanischen Besatzungstruppen, die den Plünderungen angeblich tatenlos zugesehen hatten, wurden mit den mongolischen Invasoren des 13. Jahrhunderts verglichen. Ein deutscher Altorientalist streute gar die Behauptung, die Amerikaner hätten selbst Schätze aus dem Museum geholt und dann den Mob ermutigt, zuzufassen ("Go in, Ali Baba!"). Dass dieser Experte als Vorsitzender der Deutsch-Irakischen Gesellschaft gute Kontakte zum gestürzten Regime hatte, interessierte da schon niemanden mehr: Es schien einfach alles denkbar. Am Ende war vom "kulturellen Völkermord" die Rede.

Jetzt aber fällt neues Licht auf die Geschehnisse von Bagdad. Anfang Juni wurde eine der größten Kostbarkeiten des Museums, der Goldschatz von Nimrud, von einem Reporter des National Geographic geborgen: Der Schatz fand sich unversehrt in einem gefluteten Tresor der Nationalbank, wo er schon die letzten zwölf Jahre verbracht hatte. Auch Zehntausende von griechischen und römischen Münzen konnten in gesicherten Depots des Museums wiederentdeckt werden. Bereits Anfang Mai waren 40000 Manuskripte und 700 weitere Artefakte sichergestellt worden. Vorläufiger Höhepunkt: Am Donnerstag der letzten Woche brachten drei Männer mit einem Toyota die 5000 Jahre alte Kultvase von Uruk zurück, das wichtigste Stück der Sammlung. Von den etwa 8000 wertvollsten Exponaten des Bagdader Museums fehlen heute nur noch 47, nach anderen Angaben 33 Stück.

Der Verlust aus den Depots wird nun auf zwischen zwei- und zehntausend Objekten geschätzt. Man tut freilich gut daran, vorerst skeptisch zu bleiben. Die Informationspolitik der Bagdader Museumsleute in den letzten Wochen war alles andere als vertrauenerweckend. Die Zahl von 170000 vermissten Objekten, sagt Donny George, Chef der irakischen Antikenverwaltung, heute, beruhe auf einem "Missverständnis": Ein Reporter müsse die Gesamtzahl des Bestandes mit dem Verlust verwechselt haben, versucht sich George herauszuwinden.

Donny George ist freilich in den Wochen seit der Plünderung viele Male interviewt worden und hat auf internationalen Konferenzen gesprochen. Er hat es nie für nötig befunden, die erste Schreckenszahl zu korrigieren. Warum wurde der Weltöffentlichkeit so lange suggeriert, ein Totalverlust sei wahrscheinlich?

Die irakische Antikenverwaltung hatte, wie man heute weiß, die meisten Objekte lange vor dem Krieg in sichere Depots geschafft. Die Galerien waren mithin leer, bevor die Plünderer kamen. Es wäre für die besorgte Öffentlichkeit hilfreich gewesen, von diesem erfreulichen Umstand zu erfahren, bevor die angeblich verlorenen Objekte Stück für Stück wieder auftauchten. So aber bleibt der Eindruck einer mindestens in Kauf genommenen Desinformation.

Auch wenn der neue „Mongolensturm“ nicht stattgefunden hat, wäre es fatal für das im Irak lagernde Weltkulturerbe, wenn sich die düpierte Öffentlichkeit nun abwenden würde. Amerikaner und Briten sollten aus der Affäre lernen und sich nicht allzu lange im Gefühl der Entlastung gefallen: Überall im Irak werden derzeit archäologische Stätten durch Raubgrabungen verwüstet. Diesen weiteren Kulturfrevel nicht verhindert zu haben wird man ihnen eines Tages völlig zu Recht zur Last legen.