Das vergeht nie. Das nimmt uns keiner. Immer werden wir’s erzählen: wie anno 80 die Römer ins Paradies einmarschierten, stinkarrogant, 3:0-Hinspielsieger. Wie Krause, unser Eisenfuß, ihnen das erste Ding einhaute und Lindemann Nummer zwo. Wie Trainer Meyer kurz vor Ultimo einen Blitz ins Getümmel schleuderte: Bielau, den Geflügelten, schneller als der Ball. Wie Bielau zweimal traf und Rom zerbrach, dann Valencia, dann Lissabon. Im selben Europapokal-Jahr zerquirlte Dynamo Tbilissi London und Rotterdam. Und dann war Finale. Jena ackerte, die Georgier streichelten den Ball, geführt von ihrem Magier Kipiani. Jena legte vor, Tbilissi glich aus. Drei Minuten vor Schluss kurvte Darasselija durch unsere Deckung und tat uns für immer weh. Das Leben ging weiter. Darasselija und Kipiani starben bei Verkehrsunfällen. Wir werden heute 100 Jahre alt.

Paradies, so heißt der weite Saalepark zu Füßen der Kernberge, der seit 1924 unser Stadion birgt. Komm ins Festzelt, schau um dich: eine Walhalla Jenensis. Blau-gold-weiß garniert, umtanzt vom Maiden-Ensemble Schachmatt, tafeln die Ritter der Zeiss-Geschichte: Irmscher, der Ballgalan. Kurbjuweit, der behende Bär. Scheitler: fast der Beste, stets der Schönste. Stopper Konni Weise, Nachtmahr aller gegnerischen Regisseure, von Kempes bis Cruyff. Der zehnhändige Keeper Grapenthin. Die sagenumwitterten Ducke-Brüder. 2001 fragte ein West-Reporter Mönchengladbachs Trainer Hans Meyer: Träumen Sie nie davon, auch mal Weltstars wie Figo und Zidane zu trainieren? Meyer, lächelnd: Junger Mensch, ich hab’s doch gehabt, Peter Ducke in Jena.

Da, jetzt stürmt Wolfgang Hempel die Bühne, der Großtragöde des DDR-Fußballfunks. Hempel, Jahrgang 1927, erinnert daran, wie sein Vater, soeben (1919) aus britischer Kriegsgefangenschaft entlassen, stracks in Neustadt an der Orla den deutschen Stopper erfand. Und Schalkes Gastspiel in Jena, 1937, das 3:4, Werner und Malter gegen Szepan und Kuzorra, ach, ihr wisst’s ja alle noch!, so orgelt Hempel, dass die Gläser springen, und Frau Hempel strahlt und wispert: Wolfgang ist heute zehn Jahre verjüngt!

Ja, tief sind die Brunnen der Vergangenheit, denn Fußball, wir zitieren Club-Präsident Rainer Zipfel, ist ein Sport, der 1847 in England begann und vor 100 Jahren in Jena organisiert seinen Anfang nahm. Und was brachten diese 100 Jahre?

Zipfel: Freud und Leid.

Jenas Fußballstolz hat etliche Namen getragen. Als FK Carl Zeiß gegründet, wurde der Verein 1917 in 1. SV Jena umbenannt, 1946 in SG Ernst Abbe, damit auch der Erfinderfreund des Kaufmanns Zeiss mal ein Weilchen Namenspate sein durfte. 1949 hieß man SG Stadion, 1954 SC Motor. 1966 fand man, orthografisch variierend, zum Gründernamen zurück. Bis ausgangs der DDR ist der FC Carl Zeiss Jena ein Werksclub gewesen, ein Spiegel der prosperierenden optischen und feinmechanischen Industrie. In Jena ließ es sich leben, gerade als Fußballer. 87 Europapokal-Spiele zählt Festredner Zipfel her, 34 Nationalspieler, drei Meistertitel (1963, 1968, 1970), vier Pokalsiege (1961, 1972, 1974, 1980), Platz eins in der ewigen DDR-Tabelle. Jenas Stil war nie die elegante Gala à la Dynamo Dresden. Georg Buschner, der Meistertrainer, schuf mit seinem Assistenten Paul Dern ein britisch stürmendes Team, das daheim jeden Gegner unter den Rasen rannte. Fünfeinhalb Jahre lang, von 1969 bis 1974, blieb Jena im Ernst-Abbe-Sportfeld unbesiegt.

Zeiss-Fans erdulden jedes Leid, sie sind Buddhisten geworden

Doch die Sterne sinken, wie sie steigen. Schon die achtziger Jahre waren für Jena eine wechselhafte Zeit. Die Wende schien dann dem Verein durchaus bekömmlich. Man qualifizierte sich für die 2. Bundesliga, stieg aber 1994 ab, kehrte sofort zurück und fiel 1998 erneut vom Ross. Letztlich schien der FC Carl Zeiss vom Umstieg auf Markt-Fußball ebenso überfordert wie fast alle kombinatsgebundenen DDR-Vereine, nur dass Jena nicht, wie Dynamo Dresden oder der VfB Leipzig, an Großkotzigkeit und westlichen Glücksrittern scheiterte, sondern an Genügsamkeit und Stagnation.