Brand-Erbisdorf/Erzgebirge

Erst schien der Krieg ein Job. Dann fraß er Menschen, und damit begannen die Probleme des amerikanischen Kriegers Steven Eugene Kuhn. Sergeant Kuhn ist Veteran des Golfkriegs von 1991. Zwölf Jahre später hat er sich ein Buch von der Seele geschrieben, daraus liest er jetzt vor: "Überall lagen die Leichen der Iraker, auch einzelne Körperteile, Köpfe, Arme, Beine. Es war grausig. Plötzlich fiel ein Sonnenstrahl aus den Wolken und ließ den Ehering an der Hand eines Toten aufleuchten. Es traf mich wie ein Schock. Der Feind bekam plötzlich ein Gesicht." Kuhns Kameraden patrouillieren übers Schlachtfeld und knipsen Leichen für die Lieben, die daheim geblieben. Kuhn kann das nicht. Mein Gott, denkt er, da liegt ein Mensch, der Frau und Kinder hat, Soldat wie ich, ein Kämpfer für sein Land.

Reden kann Kuhn wie ein Wasserfall. Schweigen macht ihn nervös. Irritiert blickt er in eine Phalanx stummer Gesichter, hundert Gymnasiasten im erzgebirgischen Brand-Erbisdorf. Vielleicht sind ja diese Zehntklässler zu jung, zu behütet mit ihren Teenie-Frisürchen, Kettchen, Trend-Klamotten. Auf geht’s!, ruft Kuhn, ein Bulle von Mann, und klatscht Hand auf Faust. Ich weiß, da gibt’s harte Fragen, come on, boys! Ein Mädchen meldet sich: Würden Sie noch mal in den Krieg gehen? – Glatt gesagt, nein, sagt Kuhn, aber im Januar, als es nach Krieg aussah, hab ich mich als Reservist gemeldet, weil ich mein Land so sehr liebe. Saddam Hussein – da war 1991 etwas nicht beendet worden.

Wie geht das zusammen? Gegen Saddam Hussein und gegen den Krieg? Wer Amerikas Ambivalenz begreifen will, der findet kaum konkretere Lektüre als die Lebensbeichte dieses zerrissenen Patrioten (Soldat im Golfkrieg. Vom Kämpfer zum Zweifler; Ch. Links-Verlag, Berlin 2003). Steven Kuhn, geboren 1967 in Harrisburg, Pennsylvania. Unterer Mittelstand. Der Vater entschwand, die Mutter konfrontierte die drei Kinder mit wechselnden Männern und dauernden Umzügen. Zehn Tage nach dem Highschool-Abschluss stapft Kuhn ins Rekrutierungsbüro. Er will raus aus Harrisburg, etwas aus sich machen, in die Welt. Von der Army weiß er wenig, außer dass Soldaten Helden sind und Amerikas Freiheit schützen.

Was sei er naiv gewesen! Die Army schickt ihn nach Deutschland. Dort erwartet er ein Volk in Lederhosen, Schrebergarten-Kolonien hält er für Slums. Sein Standort, das hessische Fachwerkstädtchen Gelnhausen, bestätigt etliche Klischees. Kuhn, ehrgeizig, wird ein strammer Panzersoldat und die Army seine Familie. Das Militär habe ihn zum Mann gemacht (und Deutschland zum Menschen). Der Mann verlobt sich mit Anja, einer Deutschen. Die Welt ist schön.

Dann nicht mehr. Eines Novemberabends 1990 schaut man im Kameradenkreise fern und erfährt, Amerika werde jetzt Kuwait befreien. Jubel, große Töne: Wir treten Saddam Hussein in den Arsch! Nun liest der CNN-Sprecher vor, welche Einheiten an den Golf verlegt würden. Er sagt auch: 3.Panzerdivision, 8. Kavallerie. Jäh endet der Jubel. Kuhn denkt, was alle denken: Oh, Scheiße, wir gehen wirklich! Man spricht von 100000 Toten und Verletzten, die auf US-Seite zu erwarten seien. Kuhn – er ist 23 – muss sein Testament aufsetzen.

Zunächst heißt es warten, wochenlang, im saudischen Neubau-Ghetto Dharan. 50000 US-Soldaten, umgeben von Sand. Patriotisch beseelt, sagt Kuhn, sei er gen Arabien gezogen. Allerdings bohrte schon etwas, das sein Selbstbildnis als Top-Soldat beschädigte: Angst. Soldatenleben, sagt Kuhn, habe keine Tiefe. Man rede ständig fucking Großmaul-Slang. Gefühlsgespräche seien verpönt. – Kuhn findet einen Freund, Sergeant Young Dillon, mit dem er unmilitärisch sprechen kann. Eigentlich hört Dillon nur zu. Kuhn bekommt einen Brief von Anjas Eltern: Sie hat ihn verlassen. Da hasst Kuhn die Iraker. Der elende Irak ist schuld! Das ist zwar kindisch, aber hilfreiche Wut, als sein Verband die irakische Grenze überschreitet.

Es kommt der 26. Februar 1991, die Wüstenschlacht. Kuhn erzählt Apokalypse, die Ekstasen der killing time. Muss man, um Krieg zu begreifen, Soldat gewesen sein? Am nächsten Morgen ist die Welt ein Totenhaus. Auch Sergeant Dillon stirbt, durch friendly fire. Kuhn sieht den gefallenen Iraker mit dem Ehering – sein Damaskus-Erlebnis, dem bald eines von Basra folgt. Präsident Bush senior stoppt den US-Vormarsch. Man zieht nicht nach Bagdad, man lässt Saddam Hussein an der Macht. Der metzelt Basras Schiiten, die von den Amerikanern zum Aufstand ermutigt worden waren. Die US-Armee greift nicht ein. Es war so ekelhaft, sagt Kuhn. Du bist 23, schwer bewaffnet, vor dir kniet ein alter Mann im Sand und fleht um Hilfe, aber du kannst, du darfst nichts tun, wie ein Versager. Und dieses kleine Mädchen, total verbrannt, du kannst ihr nur ein Bonbon schenken und bekommst dafür ein Lächeln, das du nie vergisst. Ich will wieder in den Irak und beim Aufbau helfen. Ich will das kleine Mädchen finden – und mich selbst.