Dass Fremdenführern in Äquatornähe nicht immer zu trauen ist, zeigt das Beispiel mit der angeblich umgekehrten Drehrichtung des Wasserstrudels auf der Südhalbkugel, die dort gern demonstriert wird. In diesem Falle aber hat der Guide Recht.

Das kann man sogar vom Schreibtisch in Hamburg aus überprüfen: Die Erde ist (annähernd) ein Rotationsellipsoid, das an den Polen abgeflacht ist. Der Abstand vom Nord- zum Südpol ist etwa 43 Kilometer kleiner als der Durchmesser am Äquator. Da der Chimborazo nur bei 1,5 Grad südlicher Breite liegt, der Mount Everest aber bei 28 Grad, ergeben sich nach ein wenig Rechnerei mit Sinus, Cosinus und ein paar Wurzeln für die beiden Standorte unterschiedliche Entfernungen des (fiktiven) Meeresspiegels vom Erdmittelpunkt: 6378,1 Kilometer in Ecuador, 6373,4 Kilometer in Nepal. Wenn man darauf noch die oben angegebene Höhe der Berge addiert, so ist der Chimborazo tatsächlich knapp 2200 Meter „höher“ als der Mount Everest. Das gilt ebenfalls für eine Menge anderer Andengipfel, aber auch für den afrikanischen Kilimandscharo.

Nach allen irdischen Maßstäben aber bleibt der Mount Everest der König der Berge, etwa was dünne Höhenluft anbetrifft. Und würde man eine Wasserleitung zwischen beiden Gipfeln verlegen, so flösse das Wasser bergab zum Chimborazo. Christoph Drösser

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