Zur "wilden Kakophonie einer vielstimmigen Öffentlichkeit" über das künftige Europa, die Jürgen Habermas und Jacques Derrida sich gewünscht hatten, ist es bisher nicht wirklich gekommen. Ein Echo, wenn auch ein verhaltenes, hat das Plädoyer der beiden Philosophen für eine Wiederbegründung Europas und einen außenpolitischen "Kern", das unter dem Titel Unsere Erneuerung in der FAZ publiziert worden war, zwar gefunden. Vor allem aber löste die Initiative viel Kritik aus.

Der Tenor hierzulande war absehbar. Die "Linke" stilisiere Europa jetzt zu einer neuen Utopie, da ihr die alte abhanden gekommen sei, hieß es, als ginge es nur um eine innerdeutsche Debatte unter den üblichen Verdächtigen und nicht um eine reale Krise Europas. Schwerer wogen die Einwände aus Polen und Ungarn: Die Idee spalte Europa, und Habermas falle sozusagen hinter die politische Zeitenwende von 1989 zurück. Enttäuscht, sinniert Richard von Weizsäcker, müsse Habermas über die bisherige Resonanz nicht sein. Ihn treibt derzeit Ähnliches um wie den Philosophen: Der dringende Wunsch nämlich, das "Europäische" selbstbewusst neu zu begründen, eine politische Identität aber nicht aus einer Positionierung gegen Amerika zu gewinnen. In einer Hinsicht geht der Europäer Habermas einen Schritt weiter als der Europäer Weizsäcker: Er setzt, wie er sagt, darauf, dass wenigstens der alte Kern der sechs Gründungsländer lerne, sich auf eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik zu verständigen. Mittelfristig müsse auch Spanien zu gewinnen sein. Habermas’ Zuversicht gründet auf einem breiten Konsens der europäischen Öffentlichkeiten, dem die Intellektuellen mit ihrer Initiative gerade Stimme geben und Gehör verschaffen wollten – gegen die schwankenden politischen Eliten.

Könnte er der Politik Richtlinien geben, hört man dagegen bei einem verblüffend zuversichtlichen Richard von Weizsäcker heraus, sollte man über "Kerneuropa" nicht laut sprechen. Das klinge zu sehr nach de Gaulle und einem Projekt gegen Amerika. In der Sache aber ähneln sich die Überlegungen. Frankreich, argumentiert Weizsäcker, dürfe man nicht abspalten. Aber auf die Briten müssten die Deutschen zugehen und ihnen eine Zusammenarbeit in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik anbieten. Washington wiederum hege gegenüber England am wenigsten Misstrauen. Und die Briten könnten dann die Polen einladen… Sein Tenor: Europa muss sich ein Stück weit emanzipieren. Man muss wissen, was man will, sagt Habermas, und anfangen.

Es war absehbar und beabsichtigt, dass Polen, Ungarn oder Briten gegen den "Kerneuropa"-Vorstoß protestieren, klingt bei Habermas nicht. Tatsächlich hagelte es reihum Unmut und Irritationen, zumal bei den ausgesparten Polen. Der Rand wird noch mehr zum Rand! Fast noch am verbindlichsten unter den Kritikern klang Péter Esterházys heiter-ironischer Einspruch, er nehme zur Kenntnis, nun also ein "Nicht-Kerneuropäer" geworden zu sein, nachdem er gleichfalls ohne eigenes Zutun vor einigen Monaten ein "Neuer Europäer" wurde (Süddeutsche Zeitung vom 11. 6. 03).

Die "Neuen" stören irgendwie

Habermas zählt zwar zu denen, die das Gespräch suchen und das Ensemble "Europa" insgesamt im Auge behalten wollen. Generell jedoch ist an Esterházys Wahrnehmung etwas richtig: Die Osterweiterung der EU vollzieht sich, die Referenden in Polen und Tschechien gaben ihr zuletzt weiteren Schwung, aber das Desinteresse im Westen ist bedrückend und ignorant. Die "Neuen" stören irgendwie. Aber – pst! Habermas’ Stoßseufzer, eine attraktive, ja ansteckende "Vision" von Europa könne allenfalls "aus einem beunruhigenden Empfinden der Ratlosigkeit" geboren werden, hat Esterházy entgegengehalten, das seien zwar wichtige Sätze. "Aber es ist, als wäre die allgemeine Ratlosigkeit überhaupt nicht beunruhigend." Sie sei vielmehr ruhig und leer. "Von da aus", setzte er hinzu, "können wir zur müden Gleichung EU=Euro+Brüssel gelangen."

Doch damit rennt der Budapester Esterházy bei Habermas offene Türen ein. Auch der argumentiert, alle gemeinsam lähme, dass Europa nicht mehr sein soll, als es bisher ist. Brüssel plus eben. Doch die West-Beunruhigung unterscheidet sich offenkundig von der Ost-Beunruhigung. Im Westen erscheint die Krise Europas auch deshalb besonders dramatisch, weil sich der Eindruck verfestigt hat, Europa solle in "alt" und "neu" auseinander dividiert, von manchen gar bewusst gespalten werden. Verzweifelt mache ihn seit dem 11. September, dass Europa auseinander falle, sagt Habermas. Und mitten in diese Phase platzt auch noch die komplizierte Erweiterung. Wie lässt sich das noch zusammenhalten? Mit einem außenpolitischen Kern, lautet Habermas’ Antwort. Der kostet nicht viel und hat hohen Symbolwert!

Im Zentrum der Ost-Beunruhigung wiederum steht etwas ganz anderes: Dass dieses "selbstbewusste" Europa, das sich aufrappeln will, sich abkoppeln könnte von Amerika, von jenem Traum also, den das Land jenseits des Atlantiks in ihren Augen unverändert verkörpert. Und was ist schon die Tagespolitik (Irak) gegen ein derart großes Empfinden? Dieses Empfinden prallt gegen die ähnlich große Enttäuschung von Habermas, der nach dem Irak-Krieg bilanzierte, die "moralische Autorität Amerikas liegt in Trümmern". Ein Befund übrigens, der so viel Ärger auslöste, gerade weil er eine weltweit verbreitete Stimmung auf den Begriff brachte. Mehr noch: Während Weizsäcker und Habermas ihr Europa besonders pointiert als Souveränitätsgewinn ansteuern, hadern Polen, Tschechen oder Ungarn mit dem Souveränitätsverlust, den es bedeute.