Im Prinzip ist ja eigentlich noch Frühling, was soll denn noch mit dem Wetter passieren? Im Hochsommer werden dann bestimmt wieder die Blätter von den Bäumen fallen, und ich werde die Angebote der Winterreifen studieren; früher habe ich im August Geburtstag mit Bermuda-Shorts im Garten gefeiert, letztes Jahr wurde ich fast weggespült vom Hochwasser und nur wegen des Kyoto-Protokolls, das sie mit Füßen traten. Der amerikanische Kongress ist schuld, dass wir Menschen uns im Juni um Winterreifen kümmern und im August Gartenpartys im Taucheranzug bestreiten, nur weil den Amis der Klimawandel scheißegal ist und deshalb auch den Europäern egal ist, überhaupt habe ich große Sorge, dass dieser verrückte Sommer ein amerikanischer Sommer wird.

Seit Wochen stoppen wir, wie lange der Präsident wem die Hand geschüttelt hat. Der Kanzler lässt seine Frau auf dem Handy anrufen, als Chirac gerade mit dem Präsidenten spricht, und dann muss Chirac mit Doris und der Präsident mit dem Kanzler reden, transatlantisches Affentheater! Wir machen aus unseren europäischen Politikern Hampelmänner, statt dass einer mal sagt, am besten Schröder: "Du, Bush, ist ja noch mal gut gegangen im Irak, aber wenn du mich noch mal anlügst, dann ist Feierabend mit Transatlantik, klar? Morgen erzählt mir Tony, die Färöer Inseln hätten chemische Vernichtungswaffen!"

Die Kyoto-Hitze hat uns entweder das Gedächtnis aus dem Hirn gebrannt, oder es ist der Lauf der Welt, dass sich alles nach dem Sieger streckt? Als ich kürzlich beim Deutschen Filmpreis das Treiben beobachtete, verschwamm plötzlich in der Kyoto-Hitze alles vor meinen Augen: Berlusconi, Schröder und Chirac hingen an den Hosenbeinen von Bush. Bush drängte sich ins Bild mit Wolfgang Becker von Good bye, Lenin. Über allem schwebte Möllemann mit einem Fallschirm, bis er auf dem roten Teppich aufschlug, der plötzlich schwarz wurde, und immer mehr Möllemanns fielen vom Himmel auf den Teppich, und dann kroch die Schwärze die Beine der Highsociety empor, bis sie in den Herzen ankam.

"Ich bin allein inmitten dieser, die ich verachte, und die Konversation mit ihnen ist eine läppische, dass ich stets Migräne bekomme. Ich weine oftmals über die Ruhmsucht, die mich hierher geführt hat, und über den Ehrgeiz, der mich hier festhält." Madame Pompadour, die Mätresse von LudwigXV., ist so etwas wie die Schirmherrin unseres Frühsommers aus Möllemann, Good bye, Lenin und den unerträglichen Kniebeugen vor Bush. Warum das alles? Warum sich wegen der FDP vom Himmel stürzen? Warum die Seelen so auf dem Teppich entblößen und die Wahrheit und dann auch noch das Wetter opfern dem Glanz des Mächtigsten? Irgendwann kommt der Tag, da werden dann Kyoto und der ganze globale Egowahnsinn auf uns herunterstürzen, wie diese arme Seele ohne Schirm.

PS: Ich kauf mir jetzt einen Ventilator.

Vom Autor erschien zuletzt: "Trilogie der Verlorenen" bei Rowohlt. Nächste Woche schreibt an dieser Stelle: Gregor Hens