"Ich laufe auf einer Landstraße in Richtung Süden. Ich treffe Menschen, für die ich namenlos bin und die mir ihre Geschichten erzählen. Ich verdinge mich bei Bauern, um Oliven vom Baum zu pflücken. Ich schlafe in Feldern und singe für ein paar Geldstücke, um zu überleben"

Es muss ein großer Luxus sein, sich vom komplizierten Gestrüpp aus Business, Verpflichtungen und Angepasstheit wieder befreien zu können. Es lockt das Unbekannte, das Leben hinter dem Komplizierten. Mir fällt jener Satz ein, der mich in meinen Träumen immer wieder erreicht, den ich aber etwas verändert habe: "Manchmal möchte ich wissen, dass ich nichts weiß." Sokrates’ Satz, der im Original "Ich weiß, dass ich nichts weiß" lautet, fordert ja auch die Demut vor dem Leben ein – und hier beginnt mein Traum. Ich habe manchmal das Gefühl, im Alltag nur noch zu funktionieren. Ich lege mir fast rund um die Uhr Termine, vereinbare mit Toningenieuren Probenzeiten, die Medien erwarten, dass ich für sie da bin, und meine Familie verlangt zu Recht, dass ich Verantwortung übernehme. Und ich gebe zu: Menschen sind käuflich, auch für mich ist die Versuchung groß. Ich nehme neben vielen anderen Aufgaben Engagements für Konzerte und Galas an, zuweilen sogar im Urlaub.

Dennoch: Manchmal will ich nur noch raus und meiner "Unwissenheit" auf die Spur kommen. Ich will hier nicht klagen. Mir geht es sehr, sehr gut. Ich gehöre, werden jetzt einige sagen, zu den Privilegierten des Landes. Aber es darf gestattet sein zu sagen, dass ich mich manchmal wie eine Spinne fühle, die unermüdlich ihr Netz knüpft und kein Ende sieht. Will ich das? Immerzu?

Ein Paar blaue Jeans, ein weißes Hemd, einen kleinen Rucksack und – im Traum ist das ja wohl möglich – ein unbekanntes Gesicht. Der Leser wird denken, ich spinne. Aber es ist auch ein Privilegium, nicht bekannt zu sein, jeden Scheiß machen zu können, jeden Fehltritt dreimal zu wiederholen, ohne das jemand kommt und sagt: Na, schon wieder dieser Sänger…

Kein Rückflugticket, keine Kreditkarten, keinen Thomas-Anders-Bonus und höchstens 200 Euro. Ich, ein ganz normaler Reisender auf der Suche nach der ganz einfachen Wahrheit. Jenseits von Ruhm, Geld und Flitter. Was würde ich finden?

Als ich begann zu singen, mit neun Jahren, war mir natürlich nicht klar, was Bekanntheit nach sich ziehen kann. Relativ bald unterwarf ich mich aber Attitüden, die sich bis heute durch mein Leben ziehen. Einem gewissen Luxusanspruch. Als ich beispielsweise Veilchenpastillen mochte, nahm ich sie gleich im 36er Pack. Als ich meine ersten Honorare ersang, fuhr ich als 14-Jähriger von der Schule mit dem Taxi nach Hause. Und als ich einmal mit meinen Freunden zeltete, ekelte ich mich schrecklich vor den Plumpsklos auf dem Campingplatz und fand es abstoßend, in Schlangen davor warten zu müssen. Sicherlich war meine Namensänderung von Bernd Weidung in Thomas Anders auch so etwas wie eine Häutung. Weg vom einfachen Jungen hin zum Künstler mit einem Namen, den sich die Menschen leicht merken konnten. Anzumerken ist: Bernd wäre heute derselbe Künstler wie Thomas. Ich lebe keine zwei Leben.

Die Achtziger Jahre, Modern Talking, der androgyne Thomas, der mit seinem Aussehen spielte und es, wenn’s sein musste, verstärkte; das Jet-Set-Leben zwischen Champagner auf Ibiza und Tourneen in aller Welt. First class traf auf Holzklasse – und ich hatte meine geheimen Träume: Ich will raus aus diesem Hamsterrad. Dann die Trennung von Dieter Bohlen: einmal, zweimal. Bin ich jetzt wirklich frei? Nutze ich meine Chance? In meinem Traum laufe ich auf einer Landstraße in Richtung Süden – Wärme ist wichtig –, und ich treffe auf Menschen, für die ich namenlos bin. Sie erzählen mir ihre Geschichten. Ich singe für ein paar Geldstücke, um zu überleben; ich verdinge mich bei Bauern, um Oliven vom Baum zu pflücken; ich schlafe auf Feldern; ich lese Philosophen, die Einfachheit predigen, und teile mir manch winzigen Reichtum mit anderen, für die das Leben auf der Straße eine Normalität ist.