Sommerzeit, Reisezeit. Wohl dem, der dabei nicht den Kölner Autobahnring passieren muss. Über den 52 Kilometer langen Asphaltstreifen um Deutschlands viertgrößte Stadt schieben sich täglich 360000 Fahrzeuge. Darin sitzen Pendler und Geschäftsleute, Mütter und Studenten, Lastwagen- und Busfahrer, Sonnen- und Erlebnishungrige – sie alle treffen sich zum großen stand still. Stoßstange an Stoßstange bilden sie eine Karawane von rund 1700 Kilometer Länge, mehr als die Entfernung von Berlin nach Rom. "Die Autoflut bringt täglich Staus", vermeldet Helmut Simon, Leiter der Kölner Autobahnpolizei.

Nirgendwo in Deutschland lässt sich besser besichtigen, was jeder Autofahrer sowieso längst weiß: Die deutschen Verkehrsadern sind verstopft bis zum Infarkt. Die Grundpflicht des modernen Menschen, flexibel und mobil zu sein, scheitert am vorenthaltenen Grundrecht auf Auto-Mobilität.

Das belastet jeden Einzelnen, nicht nur psychisch, sondern auch finanziell. Längere Fahrtzeiten im Berufsverkehr, behaupten Forscher des Autobauers BMW, hätten die Arbeitszeitverkürzungen der vergangenen Jahre „weitgehend kompensiert“.

Doch nun verkündet die Bundesregierung, sie habe ein Mittel gegen den Stau: den Bundesverkehrswegeplan 2003 (BVWP). Anfang Juli wird er dem Kabinett zur Billigung vorgelegt. Danach sollen bis 2015 rund 150 Milliarden Euro in Straße, Schiene und Wasserwege investiert werden, um die "dauerhafte Sicherung von Mobilität" zu erreichen.

Ein hehres Ziel.

Noch kommt im Kölner Nadelöhr der Verkehr jährlich 3000-mal zum Erliegen. 2002 hat es dort 4134-mal gekracht, dabei gab es 9 Tote und 87 Schwerverletzte, zwei von fünf Unfällen hatten mit Staus zu tun. Ihre schiere Zahl macht aus Fahrzeugen Stehzeuge. "Mengenstau", nennt das Kölns oberster Autobahnpolizist Simon. Zuweilen verstopft so ein Pfropfen nicht nur den Kölner Ring, sondern vergrößert sich bis in die City oder ins Provinzstädtchen Bergheim.

Merkwürdig: Jahrzehntelang haben Straßenplaner Bäume abholzen lassen, Schneisen durch Grünzonen geschlagen und keinen Konflikt mit Umwelt- oder Denkmalschützern gescheut. Vergeblich haben sie versucht, auf diese Weise den Verkehrsfluss zu sichern – mit der Folge, dass ihnen die Autolobby jetzt noch mehr abverlangt. Rund 100 Milliarden Euro jährlich, behauptet BMW, kosteten die "Verkehrsstörungen" in Folge von nutzlosem Benzinverbrauch, entgangenen Löhnen, höheren Warenpreisen. Was sind dagegen jene zehn bis elf Milliarden Euro, die in der vergangenen Dekade jährlich in Straßen und Brücken investiert wurden? Weit höhere Investitionen seien "in jedem Fall gerechtfertigt", so der bayerische Autohersteller. Zwar ist das Autobahnnetz in den vergangenen Jahren um ein paar tausend Kilometer angewachsen. Aber der Verkehr wuchs eben noch stärker. 500 Milliarden Kilometer legen die Deutschen mittlerweile jährlich in ihren Autos zurück, sechsmal mehr als 1960. Kein Wunder, dass freie Fahrt ein seltenes Erlebnis ist.

Warum fährt der Durchschnittsbürger so viel mehr? Wie vor 40 Jahren bewegt er sich zwischen wenigen Orten hin und her: seiner Wohnung, dem Arbeits- oder Ausbildungsplatz, dem Einkaufszentrum, der Kneipe, dem Sportplatz oder dem Kino. Geändert hat sich nur eines: Um von A nach B zu kommen, legen die Deutschen immer größere Entfernungen im Auto zurück – oft aus purem Vergnügen. Mehr als 40 Prozent aller zurückgelegten Personenkilometer sind Freizeitverkehr, Urlaub exklusive. Also wird es eng. Deutschland sei "Stauonien", klagte der CDU-Bundestagsabgeordnete Friedbert Pflüger schon vor zehn Jahren.