Die Szene ist perfekt angerichtet und ausgeleuchtet für den Auftritt: Guido Westerwelle nach dem Tod von Jürgen W. Möllemann, nachdenklich, menschlich, betroffen. Sie spielt auf dem winzigen Balkon seiner Wohnung in Charlottenburg: Tee, Kekse, Freizeitkleidung. Sogar der Himmel spielt mit und schiebt ab und an eine Wolke vor die Sonne, ein Schatten fällt auf Westerwelle, gerade so wie der Schatten des Möllemann-Todes. Schon am Morgen konnte man Westerwelles neueste Botschaft in der Bild am Sonntag lesen. "Ich bin ernster geworden", weiß er da bereits, eine Woche nach dem Unglück. Und nun noch mal Nachdenklichkeit in der Langfassung?

Einer jedoch stört bewusst diese Inszenierung des Medienprofis Westerwelle. Er selbst. Alle seine Antworten kommen zu schnell, um den Eindruck von Nachdenklichkeit erwecken zu können, den Vorwurf der Eiseskälte zu widerlegen. Das will er auch gar nicht. Was er sagt, wirkt so rational wie immer, so beängstigend wie aus der Pistole geschossen. Warum gelingt es ihm selbst jetzt nicht, Gewissensnöte zu zeigen? Weil das immer auch heißt, sie zu inszenieren? Andere Politiker haben das im Beichtstuhl gelernt oder an den WG-Tischen. Und sie tun es heute wieder, wenn es politisch opportun ist. Nur Westerwelle, dem menschliche Grausamkeit gegenüber einem gefallenen Parteifreund vorgeworfen wird, bekommt beim Thema Gefühle etwas wohlig Fünfzigerjahrehaftes.

Jungen weinen nicht. Er sei mit drei Brüdern und seinem Vater aufgewachsen, der eine Kanzlei führte, also wenig Zeit hatte. Die vier Jungs waren auf sich gestellt. Selbstmitleid gab es da so wenig wie langatmige Befindlichkeitsdebatten. Auch kaum Mitleid. Man munterte einander auf, das schon, aber eher mit einem Schulterklopfen. Merkwürdig, Westerwelle wirkt also gerade deshalb oft so wenig authentisch, weil er einfach nur er selbst ist – einer, der von früh an wenig über seine Gefühle gesprochen hat.

So bleibt auch am Tage nach der Beisetzung Möllemanns, zu der Westerwelle ausgeladen war, nur das Ringen um Interpretation. Doch was heißt: nur? Von einer Mitschuld am Tode eines Parteifreundes ist jetzt nicht die Rede, nicht so direkt, aber es geht immerhin um einen massiven Vorwurf: Westerwelle hat Möllemann vor einem Jahr als kybernetische Maus benutzt, ihn ausprobieren lassen, wie weit man auf dem Weg zu den 18 Prozent mit antisemitischen Sprüchen vorankommt. Und als die Sache bei der Bundestagswahl schief ging, hat er denselben Möllemann umgehend zum alleinigen Sündenbock erklärt und ihn aus der Partei getrieben.

So weit die These, für die vieles spricht: Zum Beispiel, dass Westerwelle so furchtbar lange gezögert hat, bis er massiv gegen Möllemann vorging. Immerhin war dessen notorischer Anti-Israelismus schon seit langem offenkundig. Und als er den durch scharfe Sprüche gegen Israel bekannt gewordenen Grünen Karsli in die FDP holen wollte, da konnte jedermann leicht sehen, wo das enden sollte – beim Bruch des Tabus. Jeder außer Westerwelle? Nein, nein, so war das nicht, sagt der nun, und seine Hände werden redselig. Viermal habe Möllemann ihm versprochen, dass Schluss sei mit dieser Kampagne. Szenen hätten sich abgespielt, in denen Genscher Möllemann beschworen habe, damit aufzuhören, Szenen auch, in denen sich der reuige Sünder entschuldigte, mit allen Zeichen eines schlechten Gewissens. Und dann die Partei! Für die Partei trage er die Letztverantwortung, betont Westerwelle immer wieder. Die wollte er zusammenhalten. Darum habe er Möllemann verteidigt und gesagt, es müsse schon noch erlaubt sein, Israel zu kritisieren. Eben dieses Flankieren hat den Eindruck des Paktierens erweckt.

Hat er das nicht? Soll es die Sekunde der Verführung nie gegeben haben? Kaum zu glauben. Möllemann hat "das Guidolein" verführt zum Projekt 18 und getrieben zur Kanzlerkandidatur, warum dann nicht auch zu Experimenten mit dem Antisemitismus? Weil das eine mit dem anderen nichts zu tun gehabt habe, erwidert Westerwelle. Die FDP sei durchaus fähig, weit über zehn Prozent zu holen, wenn sie die Jungen überzeuge und den im Trend liegenden Liberalismus für alle öffne. Dass die FDP für das Projekt 18 Tabus brechen muss, das dachte damals jedoch auch Westerwelle. Er hat es oft in Hintergrundgesprächen erläutert, sogar im Jerusalemer King David Hotel, im Juni letzten Jahres. Westerwelle war gerade aus der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem zurückgekehrt, da sprach er von einem neuen, jungen Blick auf die deutsche Vergangenheit. Natürlich propagierte er keinen Tabubruch gegen Juden. Doch dass so was von so was kommt, dass in der 18-Prozent-Gier Grenzüberschreitungen angelegt waren, hat er in Kauf genommen. Oder war er naiv gegenüber den Geistern, die er rief, gegenüber dem Geist aus Münster?

Vielleicht. Schließlich lag der Zeitpunkt der größten Nähe zwischen den beiden gerade mal zwei Jahre zurück. Da machten sie Wahlkampf in NRW. Davon schwärmt Westerwelle noch immer: wie sie zusammen auftraten, keine Freunde zwar, Siezbrüder nur, aber doch ein Power-Paar. Wenn sie gemeinsam Veranstaltungen abhielten, dann waren die Säle voll, nicht wie sonst bei der FDP, kleine Räume – nein, das ging in die Tausende, begeistert er sich. Westerwelle und Möllemann – das war mehr FDP, als es sich die Alten, die Genschers und Lambsdorffs, je erträumt hätten. Das war im Mai 2000.

Zwei Jahre später dann der erste echte Tiefpunkt: Als Möllemann Michel Friedman für den Antisemitismus verantwortlich machte, da, betont Westerwelle, sei für ihn Schluss gewesen. Warum ausgerechnet da? Weil ein Liberaler niemals jemanden wegen dessen Religionszugehörigkeit angreifen dürfe.