So recht war es den meisten gar nicht bewusst. Aber das EU-Gipfeltreffen auf der griechischen Halbinsel Chalkidiki war das letzte seiner Art. Künftig werden sich die Staats- und Regierungschefs in Brüssel treffen. Erster Grund: Mit bald 25 Mitgliedern macht der halbjährige Wechsel im Ratsvorsitz keinen Sinn mehr. Jeder kommt dann nur noch alle 13 Jahre zum Zug, zu lange Zeit, um daraus bei lokalen Wahlen noch irgendeinen Vorteil ziehen zu können. Zweiter Grund: Der europäische Wanderzirkus wurde immer aufwendiger, geriet zusehends spektakulärer und wurde allen Eingeborenen und Zugereisten zur Qual. Bestes Beispiel – just Chalkidiki. Von der dreifingrigen Halbinsel, an ruhigen Tagen ein wunderbarer Ort für Sonnenanbeter und Meeresfreunde, wurde der mittlere Finger, Sithonia, von 15.000 Polizisten und Soldaten abgeriegelt von der Außenwelt. Alle hundert Meter ein Mann in Uniform, die unsichtbaren Kollegen im Gebüsch gar nicht gerechnet. Die Staatsgäste und ihr Tross wurden vom 120 Kilometer entfernten Flughafen Thessaloniki per Hubschrauber eingeflogen: Tag aus, Tag ein knatterten über dem Tagungszentrum im Badeörtchen Porto Caras die Rotoren. Mehr als einem der hohen Herrschaften verschlug es darob in den Pressekonferenzen buchstäblich die Sprache. Das Mittelmeer-Idyll als Zwangsanstalt, so könnte der Titel dieses Schlussstückes lauten. Die Szene sollte ursprünglich Thessaloniki selbst sein, doch dort lag das passende Kongresszentrum direkt neben der Universität. Ein Sicherheitsrisiko, befanden die Griechen, und so findet das Treffen von Thessaloniki über anderthalb Autostunden entfernt statt.Einfach entsetzlich sei dieser Gipfel, meinte ein alter Fährmann aus einem EU-Gründungsstaat. Entsetzlich nicht so sehr wegen der Beschlüsse - dazu gleich mehr -, sondern wegen der Dimensionen. Hier trafen sich nicht mehr sechs EU-Staaten wie weiland 1957 zur Gründung in Rom, auch nicht mehr 15, ja nicht einmal 25 – sondern 33 Teilnehmernationen.Das ist die Europäische Union von heute: 15 sogenannte Altmitglieder, dazu die zehn Beitrittskandidaten, die die Aufnahmebedingungen in den Club erfüllen und derzeit zu Hause darüber abstimmen. Als nächstes Bulgarien und Rumänien (beide sollen 2007 hinzukommen), die Türkei (Datum offen) – und auf Wunsch der Griechen ihre fünf Nachbarn vom Westlichen Balkan. Macht die magische Zahl 33. Entsetzlich ist für viele Praktiker und Politiker die Vorstellung, künftig Asyl und Immigration, Außen- und Sicherheitspolitik, aber auch Finanzen oder Änderungen an dem eben in Chalkidiki präsentierten Verfassungsvertrag in diesem riesigen Kreis aushandeln zu müssen. Die Angstvorstellung wird dabei mitnichten von konkreten Gedanken an das eine oder andere künftige Mitglied gespeist. Sondern allein aus der Erfahrung, dass jeder mehr im Club die Verfahren bislang erschwert und das Tempo verlangsamt hat. Man rechne nur einmal, die obligate tour de table, jeder darf drei, vier Minuten reden, bringt allein schon die Eröffnung auf die Dauer eines langen Hollywood-Films, und das ganz undramatisch.Ungleichzeitigkeit bestimmte auf diesem Gipfel den Takt. Da waren die 15, die zum Beispiel beim Thema Ayl und Zuwanderung ein Schlussdokument vorlegten, dass sich Paragraph um Paragraph wie ein ängstlicher Referentenentwurf liest. Lauter Vielleicht und Könnte und Würde, alles unter dem Diktat des Konjunktivs, von der (künftigen) Einführung eines effizienteren Asylsystems über die Integration von Drittstaatsangehörigen ("sollt" - und nicht etwa: soll, muss - "mit vergleichbaren Rechten und Pflichten wie EU/Bürger ausgestattet werden", so wird aus einer Selbstverständlichkeit eine kleine Revolution) bis hin zu einem "Europäischen Migrationsnetz", Unterabteilung Analyse und Überwachung.Fazit: Jeder weiss, dass alle 15 mit einer steil fallenden Bevölkerungskurve kämpfen. Jeder weiß, dass ohne Zuwanderung diese Union weder wirtschaftlich noch in ihren Sozialsystemen eine rosige Zukunft erwartet. Aber keiner traut sich, dem Bürger die Wahrheit zu sagen. Zu viele Arbeitslose, ist die eine Ausrede; schlichte Angst vor Fremdenfeindlichkeit, lautet ein anderes, halblaut vorgetragenes Argument. Darum bleibt alles erst einmal, wie es ist – was bei diesem Thema auch dem Bundeskanzler zu pass kommt. Er verweist vorwurfsvoll auf die EU-Kommission, die noch immer keinen kohärenten Vorschlag gemacht habe – und wartet weiter ab, egal, wie kohärent die Brüsseler Konzepte tatsächlich ausfallen.Valerty Giscard d’Estaing, Präsident des Konvents zur Zukunft Europas, stellte in Chalkidiki den weithin fertigen Entwurf einer künftigen Verfassung vor. Ausgehandelt wurde sie in den vergangenen 16 Monaten von Vertretern aus 28 Nationen – womit die Union schon eine ganz andere Dimension erreicht. Der Entwurf, in den vergangenen Tagen von Warschau bis Madrid, Luxemburg bis Dublin mitunter heftig gescholten, fand an diesem Tag nur anerkennende Worte, von „exzellent“ bis „historisch“. Damit binden sich die Staats- und Regierungschefs ein Stück weit für die Regierungskonferenz, die von Mitte Oktober an den Entwurf beraten muss (und möglichst wenig daran ändern soll, jedenfalls aus Sicht der Belgier, Deutschen oder Franzosen). Diskret blieben in der Runde diesmal die Spanier, auch der Luxemburger Jean-Claude Juncker, der eben noch den öffentlich tagenden Konvent eine „Dunkelkammer“ gescholten hatte. Mut zum Mäkeln und Meckern flackerte allenfalls bei den Polen, Letten und Österreichern auf. Ansonsten hieß es anschließend: Erstaunlich harmonische Runde, und nirgendwo Krach.Einhellig applaudiert wurde auch der neuen Europäischen Sicherheitsstrategie, die Javier Solana, Hoher Repräsentant der EU, in Chalkidiki vorstellte. Sie zeichnet weniger ein neues eurozentrisches Weltbild als eine (längst geahnte) denkerische Wende in der Gemeinschaft. Gewalt als Mittel der eigenen internationalen Politik schließt diese Union nicht länger aus, und damit sind nicht mehr nur die Frieden erzwingenden Massnahmen der neunziger Jahre gemeint. Jeder Vergleich mit Amerika freilich führt in die Irre. Diese Strategie, in der Rekordzeit von wenigen Wochen von Solanas Stab erarbeitet, ist nicht auf eine Nation zugeschnitten, sondern auf 15 (oder 25 oder 33). Sie handelt gewiss wie ihr amerikanisches Pendant von Krieg und Frieden, aber das unter Rücksicht auf Mitglieder mit so verschiedenen Traditionen wie die neutralen Iren oder Finnen oder die ehemaligen Grossmächte Frankreich oder Großbritannien. Kurz, Europa gibt und nimmt halt immer gern eine Stunde im Fach Komplexität. Chalkidiki, der letzte Gipfel seiner Art, war dafür ein ganz unspektakuläres, dafür höchst anschauliches Beispiel.