Früher hatte der Sonntag noch seinen Geruch. Gegen zehn Uhr morgens schlich er durch die Ritzen des Hauses, durch Böden, Wände, Türspalten, und erreichte alle noch in ihren Betten vor sich hin dämmernden Familienmitglieder. Er schlängelte sich in ihre Träume, und sobald in den Köpfen das Bewusstsein angeworfen war, blieb nur noch Platz für einen einzigen Gedanken: den an den Sonntagsbraten.

Mit dem verführerischen Geruch angebratenen Fleischs brachte die Mutter auch die verkatertste Seele aus den Federn. Denn zwei Stunden später stand das edle Stück Rinderschulter gar auf dem Tisch, dampfte mit dem Kartoffelbreiberg um die Wette – einen solchen Event wollte niemand verpassen.

Heute sind die Zeiten bekanntlich anders – und mit ihnen haben sich die Sonntage verändert. Man frühstückt spät, dann verlässt man, wenn die Witterung es zulässt, die Wohnung, eilt in Pärke, in Zoos, auf Schiffe. Das ausgiebige sonntägliche Mittagsmahl: abgeschafft. Seit Jahren gab es keinen Sonntagsbraten mehr. Auch die Zubereitungsarten haben sich gewandelt. Braten garen heute bei Niedertemperatur, und köstliche Krusten gelten als vertrocknetes, ungesundes Ärgernis. Will man die Zeit zurückdrehen, wählt man zumindest den Termin zeitgemäß und bestellt Gäste auf Samstagabend. Schließlich steht der Sonntagmittag zum Vertilgen von Eiweißbrocken trendmäßig nicht mehr zur Verfügung.

Diesen Kompromiss gehe ich ein. Die Fußball-Bundesliga spielt heute auch an allen möglichen Wochentagen. Und heißt noch immer Bundesliga. Da darf auch der Sonntagsbraten seinen Namen behalten, Wochentag hin oder her. Durch plumpe Umterminierung verliert ein Kunstwerk seinen Charakter nicht. Das heißt, der Braten wird herzhaft sonntäglich angebraten, und durchs Treppenhaus weht verführerisch der Duft kulinarischer Vergangenheit. Genauso sonntäglich bleiben die Zutaten, die im Bräter mitgekocht werden: die Kalbsfuß-Rondellen, die schrumpeligsten Karotten, die sich im Gemüsefach finden, ein halber Sellerie, Lauch, Zwiebeln. Und natürlich: alte, vertrocknete Brotstücke.

Letztere gelangten einst aus Spargründen zum Fleisch. Mit den ebenfalls angebratenen und dann in der Sauce mitgekochten Brotstücken ließ sich früher das Fleisch "strecken", sodass jeder in der Großfamilie auf seine Kosten kam. Aber wer schon einmal das Hauen und Stechen um diese vollgesogenen, aufgedunsenen, schwabbeligen Klumpen live miterlebt hat, kann nachvollziehen, warum die Sparmaßnahme nicht nur zahnlose Tanten erfreut, sondern auch in Zeiten, in denen Fleisch billig geworden ist, ein Muss bleiben muss. Denn das Saucenbrot, vom Löffel in den Mund und direkt in die Seele geschlürft, ist das Leckerste am ganzen Mahl. Diese Klumpen, die trocken in der hintersten Ecke des Brotkorbs und in der Baumwolltasche für den Zoobesuch wochenlang ein armseliges Dasein fristeten, haben während der zwei Stunden im Ofen, in Gesellschaft von Braten, Lauch, Sellerie, Knoblauch und Zwiebeln, alle Geschmäcker in sich aufgesogen. Das Resultat ist mit Abstand das köstlichste Rebirthing, das sich ein Stück hartes Brot erträumen könnte.

Wenn etwas für einen Moment die Erinnerung an den einstigen Duft des Sonntagmorgens verblassen lassen kann, dann diese pflaumenweichen, schlabberigen Häufelchen.

Sonntäglich
Ihr Urs Willmann