Das Drama um die Gesundheit vollzog sich in drei Akten. Erster Aufzug: die Regierungskoalition streitet heftig, Parteitage müssen die Reformideen absegnen. Zweiter Aufzug: die Opposition lehnt das Konzept ab und zerstreitet sich – dritter Aufzug – ihrerseits bis aufs Mark. In dieser Woche hat Ulla Schmidt ihre Reform nun in den Bundestag eingebracht, die Union hat Gegenvorschläge präsentiert. Und siehe da, jetzt wo der Theaterdonner verklungen ist, stellt sich heraus, die beiden Konzepte sind sich gar nicht so unähnlich. Keine der beiden Seiten steht für eine grundlegende Änderung des Systems, beide wollen nur mehr steuern und sparen. Ob nun Krankengeld, Privatunfälle oder Zahnprothesen von den Kassenmitgliedern separat versichert werden müssen, macht letztlich keinen Unterschied. Mit Rücksicht auf die Lohnnebenkosten, werden die Arbeitgeber künftig einen etwas geringeren und die Arbeitnehmer etwas höheren Anteil des monatlichen Kassenbeitrages bezahlen. Welches Risiko die Kassen nun extra absichern, muss eigentlich nur die Buchhalter dort interessieren. Auffällig ist allerdings, dass die Union, die darüberhinaus noch eine zehnprozentige Beteiligung der Patienten an allen Arznei-, Arzt- und Krankenhauskosten vorschlägt, auch da wieder nur bei den Patienten ansetzt. Offensichtlich scheinen Angela Merkel & Co zu glauben, dass die Kranken es alleine in der Hand haben, wieviel Geld im Gesundheitswesen ausgegeben wird. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Weil Patienten in der Regel das tun, was der Doktor rät, und dieser allzuoft das verschreibt, was der Pharmareferent empfielt, entsteht eine paradoxe Situation: Im Gesundheitswesen bestimmen nicht die Nachfrager sondern die Anbieter über die Höhe der Nachfrage. Deshalb muss die Steuerung auch dort ansetzen. Das versucht Ulla Schmidt. Ärzte und Arzneihersteller sollen sich künftig von einer Art Stiftung Warentest in die Karten sehen lassen. Das geplante Institut prüft, ob neue Therapien und Arzneien wirklich besser – oder nur teurer – sind als bewährte. Aber auch die Patienten müssen sich bei ihr auf Veränderungen gefasst machten. Bisher konnten sie mit jedem Wehwehchen gleich zu einem der vielen Fachärzte gehen. Künftig müssten sie sich das von ihrem Hausarzt genehmigen lassen oder pro Arzt und Quartal 15 Euro Praxisgebühr bezahlen. Das alles klingt nach einer Menge zusätzlicher Warterei für die Kranken. Doch keine Angst. Auch wenn sich die Parteien über den Sparteil der Reform nach der Sommerpause schnell einigen dürften, über die Steuerungselemente werden sie noch kräftig streiten. Beide Seiten werden dabei dazulernen. So kann man davon ausgehen, dass die SPD der Union beibringt, dass eine zehnprozentige Kostenbeteiligung in einem bargeldlosen System wie dem unserem ziemlicher Unsinn ist. Die Opposition umgekehrt sollte die Gelegenheit nutzen, die Regierung zu korrigieren. Dabei dürfte sie jedoch nicht Anbieterinteressen nachgeben und weiter an dem geplanten Institut und den Kosten-Nutzen-Vergleiche herummäkeln. Die sind anderswo längst gang und gäbe. Besser sollte die Union der SPD das Hausarztprinzip ausreden. Und dann könnten beide gemeinsam über die Finanzierung nachdenken. Soll man die Lohnnebenkosten entlasten, in dem man neben Arbeitern und kleinen Angestellten auch Beamte, Anleger und Besserverdiener in die gesetzliche Krankenkasse einbezieht ("Bürgerversicherung")? Oder soll man lieber gleich auf ein Kopfpauschalensystem wie in der Schweiz umsteigen. Eine schwierige Entscheidung. Bei einem Kopfbeitrag von geschätzten 200 Euro für jeden Bürger müßten sozial schwache Familien allerdings subventioniert werden. Die Ökonomen sind für die Schweizer Lösung. Die Politiker – egal welcher Couleur – fürchten die zusätzlichen Staatsausgaben. Allerdings fürchten sie auch die Auseinandersetzung mit den Privatversicherungen. Die wäre im anderen Fall nötig, wenn die Mitgliederbasis der Gesetzlichen Kassen zu Lasten der Privaten ausgedehnt würde. Beide Alternativen sind unangenehm. Beide wären grundsätzlich geeignet das Problem zu lösen. Die Entscheidung ist überfällig. Die Zeit drängt. Und vieles spricht dafür, das Problem noch im Rahmen dieses Gesetzes anzugehen. Denn sonst wäre nach der Reform 2003 im Jahr 2004 gleich die nächste Reform fällig. Drama in drei Akten. Fortsetzung folgt.