Die ausufernde Debatte über Rolle und ideologische Hintergründe der so genannten "Neocons" – jener Denkschule amerikanischer neokonservativer Intellektueller, der unter anderem der stellvertretende US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz zugerechnet wird – hat das Ausmaß einer handfesten Legendenbildung eingenommen. In manchen Darstellungen nimmt es sich inzwischen so aus, als ob die amerikanische Regierung, gesteuert von einer homogenen Gruppe seiner Schüler, Punkt für Punkt die Lehren des in den dreißiger Jahren in die USA emigrierten deutschen Philosophen Leo Strauss verwirkliche. Weil Strauss wiederum einigen Ideen des rechten Staatstheoretikers Carl Schmitt nahe stand, heißt es nun, Amerika folge den Wegen der "konservativen Revolution" im Deutschland der zwanziger und dreißiger Jahre. Eine ziemlich abenteuerliche Konstruktion, wenn man bedenkt, mit welchem Hass die tatsächlichen Erben jener rechtsextremistischen, antisemitischen Strömung, die in der Weimarer Republik unter dem Schlagwort „Konservative Revolution“ bekannt wurde, der Politik der USA begegnen. Man findet sie nämlich in der Nähe jener „Nationalrevolutionäre“ und Neonazis wieder, die auf den Straßen Slogans wie: "USA-internationale Völkermordzentrale" skandieren. Die Vereinigten Staaten sind in ihren Augen „verjudet“, und wie ihr Vorbild Carl Schmitt betrachten sie die multiethnische, universalistische USA als den Todfeind aller um ihre ethnische Reinheit und Unabhängigkeit ringenden Völker. Was immer der eine oder ander „neocon“ an theoretischer Lektüre im Kopf haben mag, real betreibt die gegenwärtige amerikanische Administration genau jene „imperialistische“ Politik der weltweiten Verbreitung westlicher Werte, gegen die Carl Schmitt Ende der dreißiger Jahre seine „Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte“ entwickelte. Ziel dieser Konzeption: Amerika aus Europa herauszuhalten, das in den Augen von Nazi-Ideologen wie Schmitt ausersehen war, von Hitlers Großdeutschland auf „völkischer“ Grundlage neu geordnet zu werden. Gleichzeitig mit der gerne kolportierten These, die Bush-Administration folge den geheimen Lehren rechtsradikalen deutschen Ursprungs, taucht nun immer häufiger die Theorie auf, die "Neocons" seien verkappte "Trotzkisten", weil einige ihrer Vordenker in ihrer Jugend zeitweise mit trotzkistischen Ideen sympathisiert haben. Woraus dann ein "trotzkistischer Typus" destilliert wird (siehe taz vom18. Juni), der heute die Geschicke der amerikanischen Außenpolitik diktiere. So wird aus dem Irak-Krieg flugs ein Krieg nach „trotzkistischem“ Muster: Die neue amerikanische Präventivkriegsdoktrin gleiche der angeblichen These Leo Trotzkis, nach der die Revolution auf den Bajonetten der Roten Armee in fremde Länder getragen werden müsse. Der Gedanke, dass eine Weltmacht von einem geschlossenen Ideensystem bewegt werde, das sich eine Avantgardegruppe ausgedacht haben soll, ist für manche Ideengeschichtler offenbar so reizvoll, dass ihre Fantasie mit ihnen durchzugehen scheint. Es ist also höchste Zeit, den Boden der Tatsachen wieder ins Spiel zu bringen. Erstens sind "die Neocons" keineswegs eine so homogene Truppe, wie das oft anklingt. Zweitens ist der Einfluss ihrer Ideen auf die praktischen Entscheidungen der Bush-Administration weit begrenzter als gerne dargestellt. Dass er überhaupt so stark werden konnte, wie er tatsächlich ist, hat weniger mit Ideologie als mit dem 11. September zu tun, der die US-Regierung zu einer interventionistischen Linie nötigte. Die „Neocons“ sind seitdem nicht etwa deshalb so auffällig geworden, weil sie diesen Schwenk verursacht hätten, sondern weil sie zu der real vollzogenen neuen Politik zur rechten Zeit eine passende Theorie präsentieren konnten. Zu ihren seit Jahren vertretenen Kernforderungen gehört nämlich, die US-Regierung müsse Diktaturen die Zusammenarbeit aufkündigen und statt dessen die geballte amerikanische Macht einzusetzen, um Menschenrechte und demokratische Strukturen überall in der Welt zu verankern. Sensationell ist dies vor allem deshalb, weil diese universalistische Forderungen nach einem „liberalen Imperialismus“ von den „neocons“ zu einem konservativen Programm gemacht wurde – wo doch konservative amerikanische Außenpolitik traditionell streng von primär nationalen Interessenserwägungen geleitet war. Nun aber werden dieser Gruppe von manchen Kommentatoren wahre Wunderdinge zugeschrieben. Wie bringt es diese Verschwörergruppe bloß fertig, gleichzeitig schmittianisch und trotzkistisch zu sein, was sich logischerweise doch eigentlich gegenseitig ausschließt? Und, noch toller, wie schafft sie es, die einzige Supermacht der Welt dahin zu bringen, gleichzeitig eine schmittianische und trotzkistische Politik (was immer das genau sein mag) ins Werk zu setzen? Je mehr in die „Neocons“ hineingeheimnist wird, umso mehr führen sich die Spekulationen über sie selbst ad absurdum. Wenn gegenwärtig irgendetwas tatsächlich "trotzkistisch" anmutet, dann ist es die objektive Weltlage - in dem Sinne nämlich, dass zumindest eine These des russischen Revolutionärs Leo Trotzkis in der Tat hellsichtig war: Seine Theorie von der "Ungleichzeitigkeit der Entwicklung", mit der er sich bereits 1906 von der traditionalistisch-marxistischen These absetzte, nach der die Geschichte dem Verlauf "historischer Entwicklungsstadien" folge. Was Trotzki meinte: Länder entwickeln sich nicht nach einem starren Schema, gehen nicht zuerst durch eine "feudale", dann "kapitalistische", dann "sozialistische" Phase. Vielmehr bringe es die Dynamik des Weltmarktes mit sich, dass alle diese Stadien in einem Land gleichzeitig auftreten und zu explosiven Widersprüchen führen könnten. In einer solchen von Trotzki beschriebenen Situation der "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" sind wir heute wieder. In vielen Weltregionen prallen vorindustrielle oder postkoloniale Strukturen mit voller Wucht auf die Dynamik der Globalisierung. Es entstehen neuartige Mutationen – Clanchefs etwa werden zu Global Players , die sich auf dem internationalen Waffenmarkt leicht hochrüsten und deshalb Krieg als Dauergeschäft betreiben können. Andererseits bleiben Länder, die schon durch den Prozess der Modernisierung gegangen waren, hinter der neuen globalisierten Dynamik zurück, und ein Teil ihrer Eliten flüchtet in archaisch anmutende Mythologien – der islamische Fundamentalismus etwa ist ein solches Mischphänomen. Er wird von Angehörigen moderner und gut ausgebildeter Eliten betrieben, die aber von der Sehnsucht nach der Rückkehr in einen vermeintlich „reinen“, widerspruchsfreien Urzustand motiviert werden. Die Folge solcher Entwicklungen ist der Zusammenbruch staatlicher und ziviler Ordnungen in vielen Teilen der Welt. Das zwingt den Westen - und in erster Linie seine Führungsmacht Amerika - dazu, vom Balkan über Irak bis zum Kongo als weltweite interventionistische Ordnungsmacht aufzutreten. Die amerikanische Weltpolitik, die in der ersten Phase der Regierung Bush noch eher isolationistisch angelegt war, musste auf diese explosive Gemengelage spätestens nach dem 11. September reagieren – war damit doch klar geworden, dass sich die Auswirkungen globalen Zerfalls nicht mehr aus der westlichen Welt selbst heraushalten läßt. Ihre Reaktion ist jedoch sehr viel weniger planmäßig und ideologisch durchdacht, als es sich manche Feuilletons neuerdings selbst suggerieren. Sie folgt vielmehr einer Art Trial-and-Error-Methode, an der diverse Denkrichtungen beteiligt sind. Nicht zuletzt sollte man berücksichtigen, dass auch die aktuell wichtigsten außenpolitischen Köpfe der Demokratischen Partei die Irak-Intervention nachdrücklich unterstützt haben. Erst kürzlich erinnerte Richard Holbrooke, US-Botschafter bei den UN unter der Regierung Clinton, daran, dass Bill Clinton bereits 1998 den „Regime change“ im Irak zum Ziel amerikanischer Politik erklärt hatte. Nicht nur die „Neocons“, sondern auch Liberale wie Holbrooke verlangen seit Jahren eine amerikanische Außenpolitik, die offensiv auf die Verbreitung der Demokratie im Nahen Osten und der ganzen Welt ausgerichtet ist. Und das, obwohl sie niemals Anhänger von Leo Strauss oder sogar Carl Schmitt gewesen sind oder in ihrer Jugend jemals für Trotzki geschwärmt hätten.