Wie viel darf ein Magazin den Lesern zumuten? Neon hat es ausgetestet und erst mal eine genussfreie Zone von fast 60 Seiten hingelegt. Doch ein einfacher Trick genügt: Wer das erste Drittel überblättert, schlägt mitten in einem richtig starken Magazin auf. Trotzdem ein paar Worte zum Anfang. Oder besser gesagt zum ersten, zum harten Aufprall. Da gängelt der neue Titel aus dem Hamburger Verlag Gruner + Jahr die Leser mit einem Inhaltsverzeichnis, das so kühl wie eine wissenschaftliche Hausarbeit ist, die auf einer Adler-Schreibmaschine getippt wurde. Danach Schnipsel. Werbung. Schnipsel. Alles irgendwie egal, auch wenn dazwischen „Der Soundtrack meines Lebens“ steckt und die Leser endlich wissen, mit welcher Musik Heike Makatsch aufgewachsen ist. Sei’s drum. Einfach drüber über das erste Drittel. Dann kommt „Die Liebe ist ein Wunschkonzert“, endlich Bilder von lebenden Menschen, die fesseln, zu denen es beim Blättern wieder und wieder hin- und zurückzieht. Vorher und nachher schreiben Autoren, die mitfühlen – aber nicht zu viel –, und deren Texte noch eine Weile haften bleiben. Sie verwandeln Franka Potente mühelos in einen Menschen auf Augenhöhe. Und wer so über Sex schreiben kann, wie es unter der Überschrift „Beethoven“ geschieht, der zwingt dazu, sich eine zweite Nummer von Neon zu wünschen. Gestern begann Neons dreimonatige Reifeprüfung auf dem freien Markt. Dann will der Verlag entscheiden, ob das Magazin in Serie geht. Als Starthilfe bekam es die Verwandtschaft mit dem Wochentitel Stern auf den Weg. Das kleine weiße Symbol im Neon –Titel soll wohl mehr Neugierige am Kiosk und natürlich auch mehr Werbekunden anlocken. „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“ schreibt die Redaktion von Neon über ihre Credo. Das gilt wohl auch für die Macher selbst. Sie haben zuvor für die Jugendbeilage Jetzt der Süddeutschen Zeitung gelebt, bis die Medienkrise das Projekt zunichte machte. Nach dem ersten Scheitern kamen jetzt die Kompromisse: Denn wer ein echtes Kauf-Magazin sein will, wenn auch ein junges, der kommt offensichtlich nicht um die Produkt- und Modestrecken herum, die Neon am Ende wieder etwas von seinem in der Mitte gefundenen Rhythmus rauben. Naja, was soll’s. Neon lebt und nichts im Leben ist umsonst.