Zu den größten Irrtümern des landläufigen Kulturverständnisses gehört es, die Kultur als das ewig Beständige zu sehen und an ihren Schauplätzen nichts anderes wahrnehmen zu wollen als das wiederkehrend Vertraute. Dieses Wiedergängertum zerfällt vor dem lebendigen Modell, mit dem Mieke Bal in ihrer hoch theoretischen Analyse die Kultur als ein Geschehen, als Prozess und Werden begreifen lehrt.

Programmatisch schon der Titel: Kulturanalyse, das klingt nach einem geschliffenen Seziermesser, das keinesfalls in den akademischen Kramkasten der cultural studies gehören möchte, wo viele Patentbegriffe liegen, mit denen man oft nicht recht umzugehen weiß. Der Titel ist eine Präzisionsgarantie, die das Buch hält, indem es einfach, freilich nie leicht, und zuweilen bis zur Mühsal genau argumentiert. Das Buch ist kein Grundlagenwerk, sondern eine lohnende Sammlung von zehn älteren und neuen Aufsätzen der niederländischen Literaturtheoretikerin, die seit 1993 als Gründungsdirektorin die Amsterdam School for Cultural Analysis leitet.

Bal stellt sich damit einem breiteren deutschen Publikum vor, und deshalb hätte man gern etwas mehr über Auswahl, Herkunft beziehungsweise Neufassung der Essays erfahren. Schwer wiegt der Mangel aber nicht. Bal klärt schnell, dass sie das nicht nur von Theorie-Gegnern genährte Vorurteil enttäuschen wird, akademische Theorie sei das Prokrustesbett von Kunst und Kultur. Keine schicken, abstrakten Begriffsformeln also. Vielmehr benutzt sie Theorien beispielhaft vorsichtig und betrachtet sogar Allerweltswörter wie "Metapher" als vorgestanzte theoretische Verständnisbrille – die sie abnimmt, um die Welt wie die Brille verändert zu sehen: politische Metaphern verengen auf eine bestimmte Deutung hin, das poetische Sprachbild dagegen vermehrt Bedeutungen.

Bals Kulturanalyse arbeitet in diesem Sinne zwar theoretisch, aber gleichsam situativ, auf den einzelnen Gegenstand bezogen, sei es Roman oder Foto. Zur Kultur gehört für Bal schlicht das "Exponierte", mithin alles, was Menschen so als sinnhaft darbieten. Eine weitreichende Definition, die Marginaleres wie das Graffito einschließt und doch elegant auf klassische Beispiele von Rubens bis Bill Viola hinlenkt. Diesem "expositorischen Kulturbegriff" zufolge gehört das Kulturelle nicht mehr zum Objekt wie etwa die Farbe zum Ölbild. Vielmehr entsteht Kultur in der Spannung zwischen Macher, Werk und Betrachter, einem produktiven Verhältnis, dem Bals Hauptinteresse gilt. Sie analysiert, was passiert, wenn wir etwa durchs Museum gehen: die stets neue Verfertigung des Sinns und der Ästhetik beim Betrachter.

Matt gesetzt wird dabei ein alter Argwohn gegenüber solch dekonstruktiver Kritik: Der Blick auf die Kultur in der Konstruktions- und Verlaufsform, heißt es, mache die Bedeutung unscharf, führe zu Sehschwäche und Orientierungslosigkeit. Dagegen hält Bal unsere alltäglichste Sinnkonstruktion, die Erzählung. Im Erzählen werden unentwegt Weltsichten produziert, die man selbstverständlich als gültig beim Wort nehmen darf, nur eben nicht als das letzte Wort.

Brillant, wie Mieke Bal winzigste Zeichen aufspürt, die ideologische Geschichten erzählen, mit denen der eigentliche Gegenstand subtil vergewaltigt wird. So zeigt ihr Rundgang durch das New Yorker Museum of Natural History, wie allein die Anordnung der Schaustücke eine Zivilisationsgeschichte erzählt, die den Buddhismus als letztlich "primitive", mythische Märchenreligion von "unserer" historischen, rationalen Mittelmeerantike abgrenzt.

Dass Bal gerade mit Erzählmustern so erhellend operiert, kommt nicht von ungefähr: ihr literaturwissenschaftliches Hauptwerk gilt der Narratology (1985). Bals Kulturanalyse ist also ein schöner, aber auch individueller und deshalb kaum zu verallgemeinernder Fall von Interdisziplinarität. Der zudem zeigt, dass diese neue geisteswissenschaftliche Zwangstugend unbedingt fundierte disziplinäre Grundlagen braucht.

Wichtiger und enorm anregend bleiben Bals präzise Beobachtungen dessen, was "geschieht", wenn wir lesen oder ein Bild betrachten. Denn wie das Verstehen selbst als produktiver Akt das Kunstwerk erst in uns hervorbringt, redet das Werk zu uns – wenn wir es lassen – und beeinflusst unsere Sicht der Dinge: Kultur, das ist für Bal genau dieses Geschehen. Wer in Louise Bourgeois’ faltenreicher Skulptur Femme Maison die barocke Anspielung erkennt, wird künftig im Barock, den die Künstlerin so heiter tradieren kann, wohl weniger nur autoritären Einschüchterungspomp sehen. Das Kunstwerk hat "Widerworte gegeben", es hat unser Bild vom Barock revidiert.