Selten hat sich eine öffentliche Erregung so schnell von ihrem Anlass entfernt wie im Fall Michel Friedmans. Manches spricht sogar dafür, dass die Medien den Fall überhaupt erst geschaffen haben, über den sie sich erregen wollten. Denn die Sache selbst hätte zur Empörung schwerlich gereicht: ein Verdacht auf Konsum von Kokain und Kontakt zu osteuropäischen Prostituierten. Was hätte daran eine breitere Öffentlichkeit interessieren müssen?

Erst der Fall, der mit deutscher Begabung fürs Prinzipielle daraus gemacht wurde, wirft die Fragen auf, über die jetzt laut gestritten wird oder überhaupt nur gestritten werden könnte: ob moralische Glaubwürdigkeit sich nach der persönlichen Lebensführung bemesse, ob Hochmut vor dem Fall komme oder Neid die Prominenten stürze, ob Antisemitismus bei den Ermittlungen im Spiel sei oder, im Gegenteil, die Furcht vor Antisemitismus eine Verfolgung der Sache behindere. Das sind in der Tat Verdächtigungen und Selbstverdächtigungen, die niemanden kalt lassen können, und schon gar nicht die deutsche Gesellschaft, die sich so gern mit sich selbst beschäftigt. Gewiss ist jedenfalls: Friedman, bevor wir überhaupt feststellen können, ob er seiner Sucht oder der Justiz zum Opfer fiel, ist schon der nationalen Leidenschaft zur Nabelschau zum Opfer gefallen.

In der Mühle des Verdachts

Damit er zum Gesprächsstoff in dieser Sache taugt, mussten seine Person und Karriere freilich erst eigens stilisiert und zugerichtet werden. Das betrifft insbesondere die Frage der Glaubwürdigkeit. Friedman habe, so wird gesagt, sich als moralische Autorität inszeniert. Hat er das wirklich getan? Nicht zu Unrecht hieß seine Talkshow Vorsicht: Friedman. Er war ein temperamentvoller, gnadenloser, manchmal ungerechter Fragesteller, kurzum: ein fabelhafter Journalist. Vor allem war er entschieden konfliktbereiter als andere. Das kann, in einer Konsensgesellschaft, ein Ärgernis sein; aber bedeutet anderen auf die Füße zu treten schon, moralische Autorität zu beanspruchen? Und wer, der sich bei Friedman amüsiert, belehrt, aufgeklärt oder beleidigt gefühlt hat, war bereit, ihm diese Autorität zuzubilligen? Die Wahrheit ist: Niemand hat sie ihm zugebilligt. Niemand wäre überrascht gewesen zu hören, dass er kokst.

Zu dem Bild, das Friedman von sich und wir von ihm entworfen haben, passen Kontakte in die Halbwelt so gut wie die seidenen Einstecktüchlein in seine schönen Anzüge. Mit anderen Worten: Für eine große, öffentliche Erregung musste erst künstlich vergessen werden, was wir über Friedman bisher dachten oder meinten. Nicht ihm ist die Heuchelei vorzuwerfen, Moral gepredigt und Drogen genommen zu haben. Vielmehr liegt die Heuchelei auf der Seite der Mediengesellschaft, die wider besseres Wissen ein Bild Friedmans aus der Tasche zaubert, damit sich die gewünschte dramatische Fallhöhe ergibt.

Weiter: Hat Friedman jemals verschwiegen, Jude zu sein? Können wir uns jetzt im Ernst dumm stellen und mit Verblüffung einen Antisemitismus entdecken, den er in Wahrheit immer schon und mit der Lust an der Entlarvung auf sich gezogen hat? Oder umgekehrt: Hat Friedman nicht ebenfalls immer Freunde und Verteidiger gehabt, wahrscheinlich sogar in jener großen Mehrheit, die sich in den Einschaltquoten seiner Sendung niederschlug? Muss man diesem Publikum, das sich gewiss bei Friedman weniger gelangweilt hat als bei Christiansen, nun einen Philosemitismus unterstellen, der am Ende dunkle Verbindungen bis in die Justiz unterhält?

Das alles ist kruder Unfug und hat mit Friedman wenig oder nichts zu tun. Es ist aber insofern interessant, als es die Obsessionen einer Gesellschaft zeigt, die offenbar nach jedem Anlass suchen, um ans Licht zu treten. Es sind diese: unsere Spektakelsucht bei gleichzeitiger Abneigung gegen Extravaganz in der Öffentlichkeit; die daraus resultierende Lust, die Prominenten nicht nur zu beargwöhnen, sondern auch stürzen sehen zu wollen; schließlich das gefährliche Spiel mit dem Antisemitismus-Verdacht. Denn einesteils ist es gängige Übung, überall Antisemitismus zu vermuten, um die eigene Tugend umso heller strahlen zu lassen. Andererseits nährt diese Praxis aber bei manchen den dumpfen Verdacht auf eine Vorzugsbehandlung der Juden, was wiederum der Antisemitismus-Vermutung neue Plausibilität verleiht – und so weiter und so fort. Diese Mühle des Verdachts kann sich lange drehen; aber wehe dem, der zwischen ihre Steine gerät!

Michel Friedman ist es jetzt geschehen; und man wird ihm nicht vorwerfen dürfen, dass an seiner öffentlichen Rolle das Räderwerk dieser Mühle besonders durchsichtig wurde. Denn es ist eine deutsche Mühle, die sich da dreht, sie wird nicht von den Juden in Bewegung gehalten, sondern von dem bei jeder Gelegenheit eskalierenden Selbstmisstrauen der Deutschen. So weit ist es schon wieder gekommen, rufen diese Deutschen; und dabei sorgen sie selbst dafür, dass das Befürchtete eintritt. Selten wurde dieser Mechanismus deutlicher als in jenem fatalen Beitrag für das Magazin Focus, der düster von möglichen Anschlägen auf Friedmans Wohnung in Südfrankreich orakelte, gleichzeitig aber die genaue Anschrift bekannt gab. Vielleicht wird Friedman die Wohnung verkaufen müssen, weil er sich dort nicht mehr sicher fühlen kann.