Vor einer Geschäftsreise empfahl es sich tunlichst, das Okay der Götter einzuholen. Dazu legte man als Kaufmann in Attaleia die Tunika um, schritt frühmorgens ins Forum zu der massiven Stele aus weißem Kalkstein und ließ die Würfel fallen. Dann fuhr der Reisende mit dem Finger die in die Stele eingemeißelten griechischen Schriftzeichen ab, bis zu der erwürfelten Zahlenkombination. Unter "Eins, eins, eins, sechs, vier" ermuntert beispielsweise die Liebesgöttin Aphrodite: "Geh, wohin du wünschst. Denn fröhlich wirst du nach Hause kommen. Finden wirst Du und tun, was Du in Deinen Sinnen überlegst."

Grünes Licht vom Orakel also. Nicht auszudenken hingegen, hätte der Kaufmann "sechs, sechs, sechs, eins, eins" gewürfelt – düster hätte ihm Hephaistos verkündet: "Nicht ist es möglich, etwas zu tun: Mühe dich nicht vergebens!" Doch den Zuspruch der Aphrodite im Sinn, durfte der antike Händler froh von dannen eilen, dorthin, wo seine Eselskarawane bepackt am Stadtrand der Metropole Attaleia (heute Antalya) wartete. Von dort aus ging es in die Nachbarstädte des reichen und dicht bevölkerten Kleinasiens.

Hinter dem umtriebigen Kaufmann hatten wahrscheinlich Handwerker, Beamte, Soldaten und Bauern, Ortsansässige und Zugewanderte aus Rom oder Afrika in der Schlange gestanden und darauf gewartet, ihr eigenes Schicksal für den anbrechenden Tag zu ergründen. Denn die Bürger des römischen Kaiserreichs im zweiten nachchristlichen Jahrhundert waren verrückt nach Zukunfts-Hokuspokus, und die volksnahen und benutzerfreundlichen Würfelprognosen in Kleinasien erfüllten denselben Zweck wie heute die Horoskope in den Zeitungsspalten.

Diese These vertritt jedenfalls Johannes Nollé, Historiker und Epigrafiker am Deutschen Archäologischen Institut in München, der jetzt erstmals den kompletten Orakel-Text dieser Stelen rekonstruiert hat. Seit Jahren grast der Inschriftenkundler, der sich mit dem Werdegang griechisch-römischer Städte beschäftigt, archäologische Fundstellen ab. Auf dem Gebiet der heutigen Türkei sucht er nach Schriftzeugnissen der früheren Bewohner. Dabei stieß Nollé immer wieder auf rund zwei Meter hohe Stelen aus Kalkstein, deren vier Seiten mit Prophezeiungen bedeckt waren. "Im 2. Jahrhundert nach Christus war anscheinend in jeder Stadt im südlichen Kleinasien so ein Würfelorakel im Gebrauch", sagt Nollé. "Sie waren an zentralen Orten aufgestellt, auf dem Forum oder am Stadttor." Mitten im Alltag also, was den Schluss nahe legt, dass Griechen und Römer die verklausulierten Entscheidungshilfen täglich und in großer Zahl konsultierten – eine Art Do-it-yourself-Verfahren für Zukunftsprognosen.

Das Schicksal sprach damals aus den Fersen von Paarhufern. Bei Ziegen, Schafen und Schweinen sitzt dort ein Knochen von der Größe einer Walnuss, das so genannte Astragal. Es diente in der antiken Welt als Spielwürfel. Solche Astragale können nur auf vier Flächen aufliegen, wobei die Trefferwahrscheinlichkeiten ungleich verteilt sind. Ein Wurf mit fünf der eigentümlichen Tierknochen ergab eine fünfstellige Zahlenreihe. Zweier und Fünfer gab es bei den Astragalen nicht, sondern nur die Werte Eins, Drei, Vier und Sechs. Für das Orakel waren dabei offenbar nur sechsundfünfzig verschiedene Zahlenkombinationen von Bedeutung, denn so viele Sprüche hat Nollé auf jeder der Orakelstelen gezählt. Die Texte sind immer die gleichen – wo immer in Kleinasien ein Würfelorakel auftaucht. "Es muss einen Urtext gegeben haben, den einer zusammengestellt hat und der dann von allen abgeschrieben wurde", vermutet er. Die meisten Orakeltafeln waren aus Holz und sind längst zerstört. Mithilfe von einundzwanzig steinernen Stelen aber konnte er den vollständigen Text der Würfel-Weissagungen zusammenpuzzeln.

Mit einer weißen Anglermütze gegen die Sonne geschützt, zog Nollé jahrelang durchs staubige Anatolien, um den tonnenschweren Fundstücken die Inschriften zu entlocken. Ein flüchtiger Beobachter hätte ihn dabei leicht mit einem Tapezierer verwechselt. Als so genannten Abklatsch nämlich nimmt er Orakelsprüche mit nach Deutschland: als Papier-Negativ. Dazu legt er einen Bogen dickes, leimfreies Papier auf die eingemeißelten Schriftzeichen und befeuchtet es. Mit einer Spezialbürste aus Chinaschweineborsten drückt er das nasse Papier in die Vertiefungen im Stein – das sieht aus, als wolle der Inschriftenkundler die Hinterlassenschaft griechisch-römischer Steinmetze mit Erfurter Raufasertapete überkleben. Doch im Papier entsteht bei dem Verfahren ein Reliefabdruck der Inschrift, die Nollé dann in seinem Münchner Büro analysiert – und auf der Tastatur mit altgriechischem Zeichensatz in seinen Laptop tippt.

Den wichtigsten Abklatsch konnte er zusammen mit seinem türkischen Kollegen Sencer S˛ahin am 10. September 1984 auf einer Geröllpiste nahe der Ruinenstadt Adada abnehmen. Straßenarbeiter hatten einen gut erhaltenen Orakelstein achtlos in die Böschung gedrückt. Das zierliche Exemplar von kaum 1,70 Meter Höhe offenbarte mehr Text als irgendein anderer Orakelstein zuvor. Die Stele war der Schlüssel für die systematische Erforschung von Würfelorakeln.

Eingeweihten waren diese seit dem 19. Jahrhundert bekannt, als sie erstmals von englischen und französischen Türkei-Reisenden erwähnt wurden. Einen Reim auf die Botschaft der Steine konnten sie sich aber ebenso wenig machen wie später der Breslauer Gelehrte Franz Heinevetter. Der schrieb 1912 die bislang einzige Dissertation über die eigentümlichen Würfelorakel – konnte aber bloß philologische Betrachtungen über die unvollständigen Fragmente anstellen. Auch die Schriftsteller der Antike waren keine große Hilfe. "Die Führungsschicht, die Literatur produzierte, sah diese Orakel eher als Jahrmarktsbelustigung an", sagt Nollé, "das war denen einfach zu trivial, gehörte zu sehr zum Alltag." Eine Stelle bei Plutarch, der über die Abzockerei von leichtgläubigen Frauen lästert, eine kurze Erwähnung beim Reiseschriftsteller Pausanias, dem Baedeker der Antike – das war’s dann auch.