Die Stadt liegt nun da wie im Schlaf, sie döst am Ufer des Guadiana, die Sonne im Zenit, die Straßen stumm, links und rechts Häuser, wie mit dem Lineal gezogen, weiß, klein, ein ums andere. Vila Real de Santo António, Portugal. Ganz unten rechts, am Rand der Algarve, jenseits liegt Spanien, zwei, drei Kilometer abwärts der Atlantik. Diesseits die Sand-Algarve, 70 Kilometer lang, die kleine, weniger besuchte. Wer spricht schon von ihr, wenn alle an die westliche Algarve reisen, wo die Felsen sich im Meer türmen?

Zum Ufer. Zur Avenida da República mit den Bäumen und Bänken. Wo Jacinto mit der linken Hand Asche vom karierten Hemd klopft, sitzt und raucht und das Leben vorüberziehen lässt, wie die Boote aus dem Yachthafen. Jacinto, faltiges Gesicht, früher Fischer. Überhaupt: früher. Da war gutes Leben, die Konservenfabriken produzierten rund um die Uhr, das Fischen war eine Lust. "Ja, früher", sagt Jacinto, der Fischer, er seufzt und reibt sich die Nase. "Manchmal hing eine Dunstglocke über dem Ort, ein übler Geruch, ich weiß noch, wie sehr die Menschen ihn hassten. Für mich, für uns Fischer, war es ein Duft, so angenehm, schöner als der von Orangenblüten." Der Geruch bedeutete Geld. Toter Fisch bedeutete Leben.

Vila Real de Santo António lebt nicht mehr vom Fisch, die Stadt lebt von spanischen Billigtouristen, Vila Real de Santo António ist weithin bekannt als Stadt der Betttücher, Handtücher, Kissen und Laken. Darum schlendern Hunderte Spanier durch die Straßen auf der Suche nach preiswertem Tuch, und mit ihnen kommt der heiße Wind aus Andalusien, fegt über Dächer und Straßen, fegt hinweg über die Sand-Algarve; darum wird sie auch Land des heißen Windes genannt. Die Portugiesen sagen: "Aus Spanien kommt kein guter Wind und keine gute Hochzeit."

Die Suchenden haben keine Augen für die Kupferstiche Manuel Cabanas im Centro Cultural, sie haben kaum Blicke für die Fliesen auf den Straßen, die kleinen Schiffe und Fische darauf, kaum Blicke für den Obelisken, gebaut zu Ehren JoséI., König von Portugal, 1750 bis 1777. Wen interessiert die Geschichte? Wen Marquês de Pombal, den bedeutendsten Mann des aufgeklärten Absolutismus, der die Stadt aufbauen ließ, 1774, in nur fünf Monaten? Sein Name ziert den größten Platz, auf dem die Alten sitzen und auf das strahlenförmige Bodenmosaik schauen, weiß, schwarz, weiß, schwarz.

Parzellen, zweimal zwei Meter groß – Platz genug für die Urlauber

Die Alten sitzen unter Sonnenschirmen, es ist kühl dort. Frauen, 60, 70 Jahre alt, Frauen, die sich benehmen wie in den Romanen von Eça de Queiros, die Damen waren beim Friseur. Sie sind leicht elektrisiert, wegen des freundlichen Herrn vielleicht, mit der großen Brille, Hernando, der von Bank zu Bank zieht, und jedes Mal werden die Damen wacher, heiterer, schwatzen, sie lachen sogar, ihre Wangen glühen, und wenn Hernando sagt, so, nun muss ich weiter, ebbt das Gespräch ab, leicht lächeln die Frauen, sacht streicheln sie über ihre frischen Frisuren, tratschen den üblichen Tratsch, hundertfach erzählt, hast du das schon gehört… Und dann schauen sie wieder traurig, wie ungeliebte, verlassene Kinder.

Die Straße hinaus aus Vila Real de Santo António säumen hohe Bäume, es geht in Richtung Westen, die Sonne scheint, und drei, vier Kilometer weiter wechseln sich die Bäume ab mit Beton. Monte Gordo heißt das Nest, fetter Berg. Graue Häuser an der Hauptstraße, zusammengewürfelte Baustile, nicht das Schönste der achtziger Jahre. Restaurants, kaum portugiesisch zu nennen. Hier ist der internationale Gast zu Hause, Pizza gibt es und Hamburger, die Speisekarten sind dreisprachig. In Monte Gordo erinnert die östliche Algarve beinahe an Albufeira oder Vilamoura im Westen, die Städte der Bettenhochburgen, die Städte konfektionierten Urlaubs. Neben dem Hotel Villablue, das nicht wie eine Villa aussieht, das nicht blau aussieht, parkt ein Wohnwagen, deutsches Kennzeichen, hier müssen die letzten Hippies leben, zwei Kinder spielen im Sand, vor der Düne, Schilf wuchert, dünnes Gras. Es sieht ein bisschen aus wie an der Ostsee, aber hinter der Düne schwimmt der Atlantik, und mit einem Mal ist alles anders. Blaugrün ist das Meer, schneeweiß der Sand, und weit dort drüben, vielleicht ist es Einbildung, ganz sicher ist es Einbildung, glaubt man Afrika zu erkennen, Palmen und Kamele und weiße Häuser aus Lehm.

Am Strand bohren Arbeiter Löcher in den Sand, stoßen Holzlatten hinein, das werden Parzellen, zwei Meter in der Breite, zweieinhalb Meter in der Länge, Platz für Liege und Sonnenschirm, genug Platz für die Urlauber. Es wird ihnen gefallen.