Auf dem Marktplatz im niedersächsischen Westerstede soll es künftig etwas lockerer zugehen: Der Bereich rings um das Rathaus der Stadt wird neuerdings durch unübersehbare Schilder als "Duz-Zone" markiert. Gerät jetzt das Siezen ins Wanken?

Ist das Duz-Gebot der erste Schritt zu einem harmonischeren Kleinstadtleben?

Ein vorgeschriebenes Du ist kaum mehr als eine Floskel, neutral und ohne emotionalen Gehalt. Die Duz-Zone mag den Tourismus beleben, zwischenmenschlich verbessert sie nichts, denn das Du wird hier seiner eigentlichen Signalfunktion beraubt: zu unterstreichen, wie vertraut die Duz-Brüder miteinander sind. Zwar duzen sich auch fremde Menschen – aber nur, wenn sie eine gemeinsame Lebenswelt teilen. Ein Student duzt Studenten überall auf der Welt, nicht aber die gleichaltrige Bäckereiaushilfe oder den jungen Mann am Bankschalter. Wer gemeinsam im Verein kickt, auf dem Bau schuftet oder einen Dachstuhl zimmert, wird sich fast immer duzen.

Sind traditionelle Regeln der angemessenen Anrede heutzutage veraltet?

Wir leben in einer Zeit des Experimentierens. Früher siezte der Lehrling den Chef, der junge Mann den Greis. Der Ältere schlug dem Jüngeren vor, sich zu duzen. Niemals umgekehrt. Solche Regeln gelten nicht mehr als verbindlich. Eine Form, die in den letzten zwei, drei Jahren immer mehr erprobt wird, ist das Ihr. Zum Beispiel: Ich gehe hin und wieder mit meiner Frau in eine Szene-Kneipe, in der es üblich ist, dass Kellner und Gäste sich duzen. Bei mir, ich bin 62, steht die Kellnerin vor einem Dilemma: Siezt sie mich, attestiert sie mir, zu alt für die Kneipe zu sein. Duzt sie mich, könnte ich das als unangemessen empfinden. Sie fragt daher: "Möchtet ihr eine Cola oder ein Bier?" – mittlerweile ein beliebter Mittelweg.

Hätten Sie sich brüskiert gefühlt, wenn sie stattdessen "Werner" und "Sie" gesagt hätte?