Mit dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu) pflegt Umweltminister Jürgen Trittin normalerweise beste Kontakte. Sein Pressesprecher stammt aus den Reihen des Nabu, den Expräsidenten des Umweltverbandes holte Trittin sogar als Abteilungsleiter in sein Ministerium. Einer der knapp 400000 im Nabu aktiven Umweltschützer setzt Trittin allerdings jetzt kräftig zu. Er heißt Hans-Heinrich Sander, ist Pädagoge, Nebenerwerbslandwirt, Bürgermeister der Gemeinde Bevern – und seit Anfang März Umweltminister in der vom CDU-Parteivize Christian Wulff geführten schwarz-gelben Landesregierung Niedersachsens.

In dieser Rolle verweigert der politisch bisher kaum aufgefallene Sander (FDP) dem grünen Bundesumweltminister die Gefolgschaft. Es geht um eine Angelegenheit von höchster Symbolkraft, vor allem für die Grünen: um den Atomausstieg, speziell um die heikle Suche nach einem sicheren und allseits akzeptierten Endlager für den Strahlenmüll. Trittin nennt diese Suche nach einem für Jahrtausende sicheren Lager "eine der schwierigsten gesellschaftlichen Aufgaben".

Wie schwierig die Aufgabe auch politisch ist, hat Sander den Grünen jetzt spüren lassen. Ihm passt nicht, wie Trittin fortan nach dem Atommüll-Endlager suchen will. Die Uneinigkeit zwischen den beiden droht sogar den Atomkonsens zu sprengen, den die rot-grüne Bundesregierung vor drei Jahren mit den Betreibern der Kernkraftwerke schloss.

Die nuklearkritische Gemeinde ist bereits alarmiert. Ein Ziel des Konsenses war es, die Atomkraftgegner zu beschwichtigen. Nun aber müssen diese fürchten, dass durch den FDP-Mann Sander plötzlich wieder wahrscheinlich wird, was viele von ihnen bereits für ausgeschlossen hielten: dass im niedersächsischen Gorleben der deutsche Atommüll seine letzte Ruhestätte findet. "Wir gehen wieder auf die Straße", kündigt Wolfgang Ehmke, der Sprecher der kampferprobten Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg schon an.

Um genau das zu verhindern, hatten sich Bundesregierung und Stromwirtschaft am 14. Juni 2000 nicht nur darauf verständigt, die Restlaufzeiten der 19 hiesigen Kernkraftwerke zu begrenzen, sondern auch darauf, die Erkundungsarbeiten am Salzstock Gorleben für drei bis zehn Jahre zu stoppen. Ob der Standort im dünn besiedelten Wendland, ehemals Grenzgebiet zur früheren DDR, als nukleares Endlager geeignet ist, wurde zuvor in mehr als 20 Jahren erforscht, begleitet von heftigem Widerstand der nationalen Anti-AKW-Bewegung und der örtlichen Bürgerinitiative.

Um den Dauerprotest samt Polizeiaufmärschen zu beenden und herauszufinden, ob ein alternativer Standort womöglich besser als "Atomklo" geeignet ist, wollte Trittin nun eine Verhandlungsgruppe Nukleares Endlager ins Leben rufen. Der Debattierkreis, zusammengesetzt aus insgesamt 13 Abgesandten der Parteien, der Kirche, der Stromkonzerne, der Umweltverbände und der Länder, sollte sich auf einen "möglichst breiten Grundkonsens über die Kriterien der Standortauswahl" einigen. Anschließend, so das Drehbuch Trittins, hätten die Erkenntnisse der 13 Weisen bei der Novellierung des Atomgesetzes berücksichtigt werden sollen.

Tatsächlich wird der Film nicht nach dem Plan Trittins ablaufen. Denn ausgerechnet der Niedersachse Sander, in dessen Sprengel sich Gorleben befindet, knüpfte seine Teilnahme an der Verhandlungsgruppe an mehrere für Trittin unannehmbare Bedingungen: Der Grüne möge gefälligst den vor drei Jahren mit der Wirtschaft geschlossenen Atomkonsens wieder aufschnüren und das "Moratorium für Gorleben" aufheben, so das Petitum des Ministers und bekennenden Nabu-Mitglieds. Außerdem verlangte Sander, die Salzkaverne "kurzfristig als Untertage-Labor" zu öffnen.

Weil Sander mit seinen Bedenken und Bedingungen nicht allein blieb, blies Trittin jetzt das ganze Vorhaben ab. Tatsächlich hatte er sich sowohl bei den Bundestagsfraktionen von Union und FDP als auch bei den Stromkonzernen eine Abfuhr geholt. E.on-Energie-Vorstand Walter Hohlefelder, früher selbst im Bundesumweltministerium als Abteilungsleiter für Nuklearfragen zuständig, hatte Trittin bereits Mitte Mai wissen lassen, dass "die generelle Neuentwicklung eines Verfahrens zur Suche von alternativen Standorten" mit der Atomkonsens-Vereinbarung "nicht im Einklang" stehe. Die Energieversorgungsunternehmen, teilte Hohlefelder "auch im Namen meiner Kollegen" trocken mit, würden sich deshalb nicht an der geplanten Verhandlungsgruppe beteiligen.