Ginge es nach den Nissan-Leuten, müsste man über den neuen Micra in einer ganz neuen Sprache schreiben. Sie finden den kugeligen Kleinwagen so außergewöhnlich, dass sie gleich ein paar außergewöhnliche Wörter dazu entwickelt haben. Sie sprechen in ihrer Werbung zum Beispiel von "schnoppen", wenn sie sagen wollen, dass die Bremsen so gut sind, dass der Wagen schnell zu stoppen ist. Oder sie sagen "praktovativ", wenn sie praktisch und innovativ meinen. Was dementsprechend "sichamisch", "kompräumig" und "komfagil" heißt, kann sich jetzt wahrscheinlich jeder denken.

Ist es albern oder nicht, zu einem neuen Auto eine neue Sprache zu erfinden? Darüber lässt sich streiten, man kann aber auch darauf verzichten und einfach einsteigen. Das Einsteigen nämlich ist hier in der Tat außergewöhnlich. Man wollte ja schon immer mal zu seinem Auto kommen und, ohne nach dem Schlüssel suchen zu müssen, an Bord gehen können. Sascha Hehn verwirklichte diesen Menschheitstraum einst in der Schwarzwaldklinik, als er sich mit einem eleganten Sprung und wehendem Haar direkt auf den Fahrersitz schwang. Bei seinem Auto handelte es sich allerdings um ein Cabriolet. Da kann jeder reinspringen. Beim Nissan Micra geht das nicht, denn er hat ein Dach. Er hat aber auch die Zeiten hinter sich gelassen, in denen man per Fernbedienung das Auto anfunkte, bis die Blinker zweimal blinkten und signalisierten, dass es nunmehr seinem Besitzer offen stehe.

Beim Nissan ist es noch simpler: hingehen, Tür öffnen, reinsetzen, losfahren. Doch das kann nicht jeder, man muss dazu einen kleinen, streichholzschachtelförmigen Kasten bei sich tragen, der seltsame Strahlen aussendet – die wiederum erkennt das Auto und lässt sich mit einem Druck auf ein Knöpfchen am Türgriff öffnen. Als wir mit dem Nissan in Berlin und in brandenburgischen Dörfern unterwegs waren, sahen wir erstaunte Gesichter, wenn wir uns lässig unserem Auto näherten und noch lässiger losfuhren. "Müssen die ein Gottvertrauen haben, dass die den nicht abschließen", werden die Leute gedacht haben, was ja hätte sein können, zumal zu dieser Zeit gerade Kirchentag war und einige hunderttausend gläubige Christen durch Berlin streiften. Nein, in diesem Falle kein Gottvertrauen. Nur ein Nissan. Einer, für den man auch zum Starten keinen Schlüssel braucht.

Dort, wo in grauer Vorzeit das Zündschloss gewesen sein muss, befindet sich ein drehbarer Riegel. Tritt man Bremse und Kupplung und dreht gleichzeitig den Schalter, springt der Motor an. Ein bisschen erinnert das an jenen uralten Lanz-Trecker, der in der Scheune stand und allzeit bereit war zur Arbeit auf dem Felde. So ganz scheint Nissan seiner Weiterentwicklung in Sachen schlüsselfreies Auto allerdings nicht zu trauen, denn man kann vom Schalter einen Deckel abziehen, darunter befindet sich dann doch ein Zündschloss. Und wo steckt der Schlüssel? In dem kleinen Sender. Nach einigem Pulen kann man ihn herausziehen.

Wer mit dem Nissan Micra unterwegs ist, muss damit rechnen, oft im Mittelpunkt zu stehen. Das Auto wirkt wegen seiner kugeligen Gestalt auf Außenstehende belustigend, ein gut Teil dieses Eindrucks machen die Frontscheinwerfer aus. Sie sind deutlich nach oben, in Richtung Fahrerkabine, verrutscht, als wäre dem Designer die Hand ausgeglitten. Vielleicht ist das Malheur aber auch im Windkanal passiert. Außerdem werden die verzerrten Leuchtelemente noch von je einem Knubbel gekrönt, der oben aus ihnen herauswächst. Dadurch bekommen die Scheinwerfer die Form misslungener Spiegeleier. Die Kunst des Autoverkaufens – in einer Zeit, in der selbst Taschentücher nicht einfach nur Taschentücher sind, sondern multifunktionale, durchschnupfsichere Lifestyle-Produkte – liegt darin, diese Lichtknubbel als Peilhilfen fürs Einparken anzupreisen.

Zum Geburtstag des Fahrers erscheint im Display eine digitale Torte

Ein bisschen unangenehm war es schon, an der Kreuzung immer wieder amüsiert begutachtet zu werden. Die Aufmerksamkeit wird sich mit der Zeit aber legen. Wenn Nissan den neuen Micra nur annähernd so oft verkauft wie seinen Vorgänger, werden die Straßen bald voll sein von diesen glupschäugigen Autos. Wir sahen den Vorgänger sehr oft, und da wurde uns klar, dass es höchste Zeit war, dem kleinen Modell ein neues Gesicht zu geben. Unsere Begegnungen mit dem alten Micra ähnelten den Szenen auf Familienfeiern, wo man einen älteren Onkel trifft: Die Ähnlichkeiten zwischen Onkel und Neffe sind unübersehbar, aber der Ältere ist doch sehr hinterher. Die Klamotten, die Frisur, die Brille, alles irgendwie old-fashioned.

Am jüngsten Mitglied der Micra-Familie dagegen ist alles durchgestylt. So sehr, dass eine Autozeitschrift ihn als "trendige Damenhandtasche" bezeichnete. Das ist gemein, weil damit jenes Klischee neu variiert wird, das den Nissan Micra begleitet, seitdem es ihn gibt: Er sei nicht mehr als ein modisches Accessoire, das man mit sich herumführt, weil es ganz niedlich ist. Ein Frauen-Auto, etwas für Friseusen.