Zum Hören elektronischer Musik sind 30 Grad nicht verkehrt, wenn vom Meer her ein leichter Wind weht. Man darf natürlich nicht zu viel anhaben: Badelatschen, Shorts, T-Shirt, vielleicht noch eine Sonnenbrille. Man legt sich in den Schatten eines Baumes oder in einen der bunten Liegestühle, trinkt ein Bier oder raucht was und richtet den Blick auf die anderen Festivalbesucher: die braun gebrannten Spanierinnen, die käsigen, schon leicht geröteten Engländer, die nervösen Japaner, die das Programm studierenden Deutschen…

Von überall her sind sie nach Barcelona gekommen, zum Sonar 2003, dem zehnten und – mit fast 90 000 verkauften Tickets – wohl größten Treffen der Macher, Verleger, Verkäufer, Kritiker und Hörer elektronischer Musik. Mehr Männer als Frauen sind es, mehr 25-Jährige als 35-Jährige, mehr Gepiercte als Tätowierte, ansonsten aber alle möglichen Typen: Glatzköpfe und Rastafaris, Strandschönheiten, Nachteulen, ja, sogar ein einbeiniger Rollstuhlfahrer, der seinen Oberschenkelstumpf in die Sonne hält. Gemeinsam sind allen die offenen Ohren und der Wille zum Durchhalten.

Denn das Schallmarathon auf bis zu fünf simultan bespielten Bühnen beginnt mittags um zwölf und endet erst morgens um sieben. Dann geht’s an den Strand oder irgendwo ins Bett, dann wieder Musik, drei Tage und drei Nächte lang, 73 Live-Konzerte und 60 DJ-Sets, nicht gerechnet die Nebenauftritte in den Clubs der Stadt; dazu eine Schallplatten- und CD-Verkaufsmesse, ein Musikkino und eine Klangkunstausstellung. Veteranen buchen von vornherein eine halbe Woche länger, um sich hernach an Ort und Stelle zu erholen. Dann können sie sich gegenseitig bestätigen: Jeder hat das meiste verpasst. Dabei sind die Vielfalt und das Durcheinander paradiesisch – Sonar ist das Land, in dem Fantasie und Rhythmus fließen.

Gelegentlich hält der DJ ein Cover hoch, um den Blicken etwas zu bieten

Das kommunale Kulturzentrum in der Altstadt Barcelonas, prägnant CCCB abgekürzt, hat einen grünen Innenhof, der den Mittelpunkt des Geschehens bildet; hier steht die größte der drei Open-Air-Bühnen, von haushohen Lautsprecheraufbauten flankiert. Eben stellt Prefuse 73 alias Scott Herren sein neues, bei Warp erschienenes Album vor: One Word Extinguisher. Gegen das Nachmittagslicht mit einer Schirmmütze bewehrt, kitzelt der Amerikaner aus Schaltkästen gewaltige Polyrhythmen hervor. Neben ihm 2D2, ein spanischer DJ, der über seinen Kinnbart hinaus den Blicken etwas bieten will. Das Vinyl dreht er mit gestrecktem Mittelfinger hin und her, gelegentlich hält er ein Plattencover hoch.

Dem Duo gelingt ein aufregender, tanzbarer Groove. Wer nicht döst oder kifft, der steht und wippt im druckvollen Schwung. Es gibt keine definierten Stücke, bruchlos gleiten wechselnde Phasen ineinander über, schwarze Musik klingt an, Rap, weißes Elektrobastlertum, Jazz, das alles sehr gekonnt vermengt, um nicht zu sagen intelligent. Ist es also IDM – intelligent dance music?

Letztlich kümmern die Kategorien hier keinen. Bloß die Journalisten müssen sich überlegen, wie sie das nun wieder nennen sollen. Akkreditiert sind 800 Kollegen, zur einen Hälfte aus Spanien, zur anderen aus 42 Ländern – von der New York Times bis zum Moskauer Playboy , von de:bug, der Berliner "Monatszeitung für elektronische Lebensaspekte" bis zur südafrikanischen Elle und MTV Asia aus Singapur. Als Trend können sie verkünden: Das Überwinden und Verschmelzen aller Stile schreitet immer weiter voran.

Es wird nicht mehr nur gerappt, sondern wieder gesungen, sogar a cappella. Es gibt Töne nicht nur aus Samplern, Synthesizern und von Platten, sondern auch aus richtigen Instrumenten: Mit Congas und Bassgitarre treibt der norwegische Post-Jazzer Bugge Wesseltoft den Schweiß und sogar – man glaubt es kaum – mit einem Schlagzeug. Björk aus Island stellt eine Harfe und ein Streicherensemble auf die Bühne, Matthew Herbert aus London lässt 13 Saxofone, Trompeten und Posaunen losschmettern. Sonar präsentiert Musiken, die das Attribut "elektronisch" gelegentlich recht klein schreiben. Muss man vielleicht schon einen Retrotrend ausrufen? Die neue Maxi des in Südamerika lebenden Deutschen Uwe Schmidt alias Señor Coconut ist eine virtuell-schrullige Latino-Version von Smoke On The Water, die er bei Live-Auftritten von Dänen spielen lässt. Leider ist die Truppe nicht auf dem Festival. Wie sehr sie fehlt, ist im CD.drome zu sehen, dem nächsterreichbaren Plattenladen: Nach zwei Tagen ist der Hard-Rock-Mambo vergriffen, das letzte Exemplar rückt der Ladenbesitzer nicht raus, weil er es am Wochenende als DJ selbst auflegen will.