Die Briten fordern "concentration camps" für Flüchtlinge vor den Toren der Alten Welt, und das ranghohe italienische Regierungsmitglied Umberto Bossi will im Mittelmeer Kanonen gegen Flüchtlinge donnern hören. Was ist bloß in die Europäer gefahren? Gewiss, die meisten Regierungen bewahrten beim griechischen EU-Gipfel kühlen Kopf, als sie dort vorige Woche über die Einwanderungspolitik debattierten. Dem großen Ziel, einer einheitlichen Regelung, sind sie dennoch kaum näher gekommen.

Was heißt Asylrecht, welchen Status hat ein Flüchtling? Schon bei der Definition tut sich die Union schwer. Die Gipfelerklärung verfängt sich in einem Gestrüpp aus lauter Sollte, Würde, Könnte. Genau darüber sollen die markigen Worte eines Bossi oder Blair hinwegtäuschen. Zuhause wächst die Unruhe ins Hysterische, angeblich wirken Brandreden da beruhigend. Die Briten starren auf die steil emporgeschnellten Zahlen der Asylsuchenden in ihrem Land, die Italiener haben die schrecklichen Szenen, die sich auf den Flüchtlingsbooten vor Sizilien abspielen, vor Augen. Doch nichts davon entschuldigt die Geschmacklosigkeit eines Bossi oder die Gedankenlosigkeit eines Blair. Zu einem wirklich kühlen Kopf gehört der Mut zur Einsicht. Die EU-Regierungschefs könnten ihn ganz einfach demonstrieren - mit einer gemeinsamen Asyl- und Einwanderungspolitik.