Berlin

Taten statt Worte!" hat der amerikanische Historiker Paul Kennedy jüngst von den Europäern verlangt. Sie sollten gefälligst die Subventionen reduzieren, schrieb er in der Süddeutschen Zeitung, außerdem ihr Entwicklungshilfe-Engagement verstärken sowie die Präsenz in Afrika und schließlich mit grundlegenden Strukturreformen die Wirtschaft zum Laufen bringen – "und zwar dauerhaft". Solange das nicht passiere, meinte er mit besonderem Blick auf Deutschland in seiner Replik auf Jürgen Habermas und Jacques Derrida, bleibe deren Nachdenken über ein außenpolitisches Kerneuropa "einfach nur akademisch".

Taten statt Worte? Kennedys Philippika trifft, anders als er geglaubt haben mag, kein unbelehrbares, unverbesserlich "alteuropäisches" Berlin. Der transatlantische Konflikt um die "präemptive Intervention" im Irak ging zwar tief, und von der Skepsis gegenüber dem hegemonialen Auftritt der Vereinigten Staaten wird manches bleiben. Unterschwellig und kaum bemerkt aber hat sich zugleich die Wahrnehmung verändert: "Amerika" leuchtet als Vorbild.

Sicher ist das US-"Modell" zwar weiter umstritten, dennoch produziert der Irak-Krieg in der Nacharbeit ein ganz unerwartetes Ergebnis: Europa sieht sich aufgerufen, ja gezwungen, über sich selbst nachzudenken. In der Logik liegt es, zur Ouvertüre der rot-grünen Kabinettsklausur am kommenden Wochenende auf Schloss Neuhardenberg nicht etwa Göran Persson einzuladen, den schwedischen Freund und Sozialdemokraten, einen der üblichen Verdächtigen, sondern Jean-Claude Juncker. Der luxemburgische Ministerpräsident, Europäer par excellence und Christdemokrat, wird den "Blick von außen auf uns richten". Er soll klarmachen, was Europa von Deutschland erwartet. Und auch, dass es sich weder in neu oder alt noch in christdemokratisch oder sozialdemokratisch auseinander dividieren lassen möchte.

Ohne Netz aufs Seil: Der Kanzler liebt solche Kunststücke

Etwas kommt offenkundig in Gang. Die Regierung bietet zwar noch kein überzeugendes Bild. Eine Große-Koalitions-Politik unter rot-grünem Logo bleibt immer ein Drahtseilakt, und da hat man von der Erosion der Düsseldorfer Koalition noch gar nicht geredet. Trotzdem, sagt Hans Eichel, der Mann zwischen Sparzwängen und dem drängenden Wunsch, die Konjunktur großzügig anzukurbeln: Wir müssen ohne Netz aufs Seil. Es bleibe nichts anderes übrig. Der Kanzler liebt bekanntlich solche Kunststücke manchmal, seinem Finanzminister sind sie zutiefst zuwider.

Vielleicht nimmt die Regierung, die auf dem Schloss nun auch noch in die Zukunft blicken möchte, den Mund zu voll. Aber es sieht so aus, als wollte sie rasch ihre Hausaufgaben machen, damit die Wirtschaft floriert. Haben verstanden, heißt das.

Europa, das in den sechziger und siebziger Jahren viel aufholte, hat in der Konkurrenz mit Amerika wieder viel verloren. Auch um diese "Aufholjagd", sagt einer der Sozialdemokraten hinter den Kulissen, gehe es in der Klausur. Konkret beschlossen wird wohl nur, die Steuerreform vorzuziehen. Aus Sicht von Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier wäre das ein ziemlicher Schritt nach vorn. Die Steuererleichterung um ein Jahr auf 2004 vorzuverlegen läuft auf eine Entlastung von 16 Milliarden Euro hinaus. Bezahlt würde das vornehmlich mit höherer Verschuldung. So umstritten diese Tat auch ist, Steinmeier weiß, dass man nach der Diskussion der vergangenen Wochen ohnehin nicht mehr zurückkann, zu groß wäre die negative Wirkung. Aber diese Aufholjagd oder die Antwort auf die Frage, womit wir in zehn Jahren unser Geld verdienen, bleibt wichtiger.