Obelix ist zu dünn. Streifen auf der Hose, Helm, Schwert und roter Bart, alles da, doch die wackelnde Gemütlichkeit des Antihelden der Goscinny-Hefte ist verschollen.

"Wo ist mein Bauch?", ruft der lange blonde Student im Obelix-Kostüm. Auch der opulente Hintern fehlt, der Römer platt sitzt und Maultieren das Kreuz bricht. Kurz vor Beginn des Märchen-Moot-Courts Die Entführung des Obelix, tauchen die zwei weißen Kissen wieder auf. Frisch aufgepolstert, nimmt Asterix’ Gefährte auf der Zeugenbank Platz.

Nicht um Wildschweine geht es hier, im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Münster, noch weniger um quäkende Barden – und um die schöne Falballa nur ganz am Rande. Asterix sitzt auf der Anklagebank, verhandelt wird nach deutschem Strafrecht. Ein fiktiver Fall, den die lokale Elsa-Gruppe, die Münsteraner Vertretung der European Law Students Association, nach dem Muster der Asterix-Hefte gestrickt hat.

Die Faktenlage ist nur in groben Zügen vorgegeben: Nach Falballas Hochzeit ertränkt Obelix seinen Liebeskummer in Met und schläft im Wald ein. Dort findet ihn eine römische Patrouille, nimmt ihn mit ins Lager und sperrt ihn in einen Käfig. Als Asterix am nächsten Morgen bemerkt, dass sein Freund nicht nach Hause gekommen ist, macht er sich auf die Suche. Zusammen mit Idefix und der schönen Falballa läuft er zum Lagerplatz der Besatzer, haut ein paar römische Kundschafter nieder und befreit seinen Kameraden. Auf dem Rückweg lässt er einen Helm als Andenken mitgehen und wildert nebenbei im römischen Jagdgebiet ein Wildschwein.

Gleich mehrfach soll sich der Gallierheld mit seinem Freundschaftsdienst schuldig gemacht haben: Körperverletzung, Aneignung einer fremden, beweglichen Sache, Verletzung fremden Jagdrechts, Beleidigung, so heißen raue Gallier-Sitten in der Sprache der Juristen.

Römische Legionäre im Zeugenstand

Was die Studenten im Hörsaal lernen, können sie hier anwenden. Moot-Courts, nachgestellte Gerichtsverhandlungen, sind in angelsächsischen Ländern Teil der Juristenausbildung. Seit etwa zehn Jahren werden sie auch an großen deutschen Jurafakultäten häufiger veranstaltet. Die Methode, Angeklagte und Zeugen der Handlung zu Übungszwecken Comics, Filmen und Geschichten zu entnehmen, ist eine Spezialität von Elsa. "Bei so einem kleinen Märchen-Moot-Court kann man sich gut auf die größeren, internationalen Wettbewerbe vorbereiten", sagt die Organisatorin Cora Grannemann, Jurastudentin im sechsten Semester. "Außerdem soll es Spaß machen."

So ganz ohne Ernst geht es dann aber nicht in der verglasten Kühle des Gerichtssaales. Schließlich ist es ein Wettbewerb. Wer die besseren Argumente findet, wer sich überzeugender präsentiert, gewinnt. Diesmal nur Buchpreise, doch irgendwann wollen die Studenten Staatsanwälte sein oder Anwälte und legen sich schon jetzt ins Zeug. Staatsanwaltschaft und Verteidigung, jeweils zweiköpfige Teams, treten gegeneinander an. Die Richter – ein Juraprofessor, eine "echte" Staatsanwältin, ein Vertreter des Münsteraner Landgerichts – entscheiden über die Qualität der jeweiligen Plädoyers und über den Ausgang des Moot-Courts. Nach angelsächsischem Muster hilft eine bürgerlich besetzte Jury bei der Urteilsfindung. Ihre Mitglieder, Miraculix, Cäsar und die übrigen Figuren der Asterix-Hefte, thronen würdevoll auf einer Empore am Rand des Gerichtssaales.