"Anders als im Traum". Christian Strosing, 35, ist Arzt in einem tansanischen Krankenhaus

Arzt in Afrika zu werden, das war immer ein Kindheitstraum von mir. Deshalb habe ich überhaupt Medizin studiert. Seit zwei Jahren arbeite ich nun für den Deutschen Entwicklungsdienst im östlichen Tansania, im Distrikt-Krankenhaus von Handeni. Vorher war ich sechs Jahre lang in einer Kölner Klinik und habe meinen Facharzt in Chirurgie gemacht. Heute bin ich froh, dass ich so viel Berufserfahrung mitbringen konnte. Das gibt mir in vielen Situationen die Zuversicht, auch Probleme zu bewältigen, vor denen ich noch nie zuvor stand. Ich musste zum Beispiel eine hochschwangere Frau behandeln, die seit drei Tagen Wehen hatte, ohne dass die Geburt voranging. Das Kind im Mutterleib war schon tot, weil die Gebärmutter eingerissen war. Wenn ich nicht sofort operiert hätte, wäre auch die Frau gestorben. Ich hatte also keine Wahl, auch wenn ich einen Gebärmutterriss noch nie zuvor gesehen, geschweige denn operiert habe.

Viele Krankheiten sehe ich hier zum ersten Mal, etliche Operationstechniken musste ich mir neu aneignen, meist aus Büchern, ohne praktisches Training. Ich bin der einzige voll ausgebildete Arzt im Team, daher kann ich sehr frei entscheiden. Über mir steht niemand mehr, der aus medizinischer Sicht sagen könnte: Das machen wir jetzt ganz anders. Diese Freiheit hat auch Nachteile. Ich kann mich fachlich kaum austauschen und trage meist allein die gesamte Verantwortung. Und ich muss mich immer wieder zügeln, um nicht alles selbst zu machen und als der große Samariter dazustehen. Mein Ziel ist es, die tansanischen Mitarbeiter so weit auszubilden, dass sie das komplette Spektrum an Behandlungsmethoden beherrschen und Operationen selbstständig übernehmen können. Ich muss mir immer überlegen: Was passiert, wenn ich wieder weg bin? Wie schaffe ich es, dass dann nicht alle mühsam erarbeiteten Veränderungen und Fortschritte wieder in sich zusammenfallen? Schließlich haben wir erreicht, dass wesentlich mehr Patienten ins Krankenhaus kommen und sich glücklicherweise nicht mehr auf die Heiler in den Dörfern verlassen. Ich glaube, ich habe es geschafft, dem Krankenhaus eine viel größere Akzeptanz zu verleihen. Auch weil die Leute wissen, da gibt es jetzt einen Arzt, der kümmert sich nicht nur um die Patienten, sondern auch darum, dass die Mitarbeiter ihren Dienstplan einhalten. Meine Arbeit hier macht mich viel zufriedener als die in Deutschland, weil ich endlich Zeit für die Patienten habe und weil ich mein Wissen an die Mitarbeiter weitergeben kann. Hier habe ich als Arzt hauptsächlich wieder mit Menschen zu tun und muss mich nicht mit unzähligen Formularen oder sonstiger Bürokratie hinterm Schreibtisch verbarrikadieren.

Ich hatte die Idee, ein Haus bauen zu lassen für Frauen mit Risikoschwangerschaften, sodass sie ganz nah am Krankenhaus auf ihre Geburt warten können. Für viele dauert der Weg ins Krankenhaus nämlich oft mehrere Tage. Es gibt kaum asphaltierte Straßen, kaum Busse. Nicht wenige schleppen sich mit letzter Kraft zu Fuß hierher. Jetzt sind sie froh, dass ihnen jederzeit geholfen werden kann. Das funktioniert aber nur mit motiviertem Personal. Und ich verzweifle oft an der Lässigkeit und Nachlässigkeit, mit der die Mitarbeiter mit Patienten umgehen, daran, wie sie sich über Anordnungen hinwegsetzen und damit manchmal sogar den Tod des Patienten in Kauf nehmen. Da habe ich auch als Partner des Krankenhauschefs wenig Macht. Hierarchien sind hier kaum ausgebildet. Wer einen Fehler verschuldet, wird nur selten verantwortlich gemacht, weil es undurchschaubare Systeme persönlicher Verflechtungen gibt. Es ist also eine der schwierigsten Aufgaben, Veränderungen wirklich umzusetzen, weil man nie offene Kritik üben darf. Verglichen mit der Personalarbeit, sind die medizinischen Herausforderungen wirklich leicht zu bewältigen. Von daher weicht die Realität meiner Arbeit schon etwas von meinem Kindheitstraum ab. Ich sah mich damals umgeben von Gutmenschen, die alle die gleichen Ziele hatten. Das ist hier leider anders, weil nicht alle an einem guten Ergebnis interessiert sind. Davon träume ich weiter.

"Spagat und Rollenspiele". Senta Höfer, 32, baut in Rumänien ein deutsches Kulturzentrum auf

Seitdem ich hier in Rumänien arbeite, werde ich "Frau Direktor" genannt. Für mich ist das immer noch sehr gewöhnungsbedürftig, aber inzwischen habe ich gelernt, den Titel geschickt einzusetzen. Wenn ich mit einflussreichen Leuten sprechen möchte, dann würde ich als Senta Höfer stundenlang in der Leitung hängen, als Direktorin des Deutschen Kulturzentrums Temesvár aber werde ich sofort durchgestellt. Ich selbst sehe mich vor allem als Stipendiatin im Kulturmanagerprogramm der Robert Bosch Stiftung; hier vor Ort wird meine Position aber auf einem anderen Niveau eingestuft. Meine Arbeit wird gemessen am Goethe-Institut, dem British Council oder dem Institut Français.

Als ich ankam, war das Kulturzentrum zwar formal bereits gegründet, außer Sprachkursen und einigen wenigen Veranstaltungen gab es aber noch nicht viel. Deshalb waren die Erwartungen an mich sehr hoch, jeder war gespannt darauf, mit welchen Ideen ich kommen, welches Profil ich dem Haus geben würde. Ich stand sofort mittendrin in der Arbeit. Zeit, mich hier mit meiner Familie einzuleben oder in Ruhe einen Überblick zu bekommen, blieb mir nicht. Ich habe einen ziemlichen ICE-Start hingelegt, von null auf hundert. Alles stürmte auf mich ein. Ich musste Interviews geben, Reden halten, das Kulturzentrum vorstellen und meine Ideen und Ziele sehr schnell und deutlich definieren. Die ersten Wochen habe ich hauptsächlich damit verbracht, Antrittsbesuche zu machen, beim Bürgermeister, den Hochschulrektoren, den Theatern und anderen Kultureinrichtungen. Wann und wie man das macht, muss man einfach im Gefühl haben. Ich denke aber, dass ich es ohne meine vorherigen Erfahrungen in Vukovar, Osijek und Zagreb, wo ich für das UN-Flüchtlingshilfswerk gearbeitet habe, nicht ganz so leicht geschafft hätte, hier zu bestehen. Wie man sich als "Institution" im Geflecht einer Stadt zu bewegen hat, habe ich vor allem dort gelernt. Ich war zuvor aber noch nie in der Situation, dass über meine Person eine ganze Einrichtung definiert wurde.