Rechnet damit, dass ihr mal krank werdet", warnt Christopher Swader. Der amerikanische Student sitzt in einem Raum im Dachgeschoss der Universität Freiburg und gibt Studientipps für Indien und Südafrika. Nicht jeder Magen vertrage die Umstellung auf das indische Essen, nicht jeder Kreislauf die klimatischen Bedingungen. Während der Prüfungen im April werde es in Neu-Delhi 40 Grad heiß, Anfang Januar liege die Temperatur dagegen um die null Grad: "Heizungen gibt es im Studentenwohnheim natürlich nicht." Einige der 28 Zuhörer lachen unsicher. Andere blicken, als würden sie in diesem Moment erstmals ihre Entscheidung bereuen. Sie alle haben sich für das zweijährige so genannte Global-Studies-Programm eingeschrieben. Der einzigartige Master-Studiengang schickt Studenten aus aller Welt nach Deutschland, Südafrika und Indien. Vier Monate Freiburg, je fünf Monate Durban und Neu-Delhi und dann wieder Freiburg – das ist die Studienroute.

"Manche haben sich vielleicht doch nicht ganz klar gemacht, dass Indien ein Entwicklungsland ist", sagt der Freiburger Soziologe Frank Welz. Als Programmdirektor der Global Studies hätte er natürlich auch Gastdozenten in den Breisgau einfliegen lassen können. Doch Globalisierung lasse sich besser verstehen, wenn man auf verschiedenen Kontinenten lebe und arbeite, findet er. Andisiwe Tingo aus Durban, die als Programmassistentin die Studenten betreut, sieht das ähnlich. "Einige sehen zum ersten Mal ein Armenviertel", sagt sie. "Um über Globalisierung reden zu können, muss man auch einmal so eine Erfahrung gemacht haben."

"Jedes Land hat Besseres zu bieten als Cola und MTV"

Globale Steuerung , kultureller Wandel , Globalisierung und Methodologie – das sind die Module, die in allen vier Stationen unterrichtet werden. Die Studenten treffen auf Soziologen, Politikwissenschaftler, Kulturgeografen oder Ethnologen, die mit ihnen über internationale Institutionen, Globalisierungstheorien, regionale Kultur oder globale Wirtschaft diskutieren. Die einzelnen Seminare sind auf die Kontinente abgestimmt: In Durban geht es um afrikanische Kultur oder die Folgen der Apartheid, in Neu-Delhi um indische Gesellschaftslehren und Mahatma Gandhi. DieTeilnehmer kommen aus 18 Ländern. Fünf Deutsche sind darunter, außerdem Kanadier, Belgier, Inder, Ghanaer, Tschechen, Türken und Südafrikaner. Sie hoffen, nach dem Graduiertenstudium einen Job bei Nichtregierungsorganisationen und Botschaften zu bekommen, in der Entwicklungshilfe oder bei Unicef, an ihrer Universität zu Hause oder bei den Vereinten Nationen. Beendet wird die Studienweltreise mit einer Master-Arbeit und mündlichen Prüfungen in Freiburg.

Einen der rund 30 Plätze zu ergattern ist nicht einfach: 180 Studenten aus 40 Ländern haben sich für den zweiten Jahrgang beworben. Voraussetzung für die Aufnahme sind sehr gute Englischkenntnisse, denn die Seminare finden alle auf Englisch statt. Ein gutes akademisches Zeugnis, ein Empfehlungsschreiben von einem Professor der heimischen Universität und ein Bewerbungsessay müssen in der Mappe liegen. "Natürlich achten wir auch darauf, dass wir eine heterogene Gruppe zustande bekommen", sagt Frank Welz.

Der Nationenmix ist Teil der Ausbildung. "Je nach Herkunft sieht man das Thema Globalisierung anders", sagt Juliana Silva. Die Brasilianerin sitzt in den Gängen der Freiburger Universität, vor ihr ein aufgerissenes Paket. Ihre Mutter hat aus Brasilien einen Kochtopf geschickt. "Der kostet dort nur fünf Euro, hier könnte ich ihn mir nie leisten." Die Kommilitonen aus Nordamerika und anderen westlichen Ländern dächten beim Thema Globalisierung nur an die Vorteile, erzählt sie. Sie und Teilnehmer aus anderen ärmeren Ländern halten dann dagegen.

"Unsere Gruppe erscheint mir manchmal als Minimodell der Welt, in dem sich die Konflikte und Spannungen widerspiegeln", sagt Meri Yeranosyan. Die 24-jährige Soziologin kommt aus Jerewan in Armenien. Ungehinderte Globalisierung könne zu kultureller Gleichförmigkeit führen, warnt sie ihre Mitstudenten aus den USA und Japan, "und das wäre das Ende jeglicher Entwicklung. Jedes Land der Erde hat mehr und Besseres zu bieten als Cola, McDonald’s und langweiliges MTV." Enttäuscht merkt sie immer wieder, dass viele im Seminar von Armenien kaum etwas wissen. "Sie fragen mich, wo Armenien liegt und ob wir alle Muslime sind", sagt sie. Manchmal fühle sie sich so, als würde sie hier hauptsächlich Aufklärungsarbeit über ihr Land leisten.

Die indische Professorin Maitrayee Chaudhuri kennt diese Informationsdefizite. "Wir Menschen in Asien wissen meistens mehr über den Westen als der Westen über uns. Wir sehen westliche Filme und lesen westliche Zeitschriften", sagt sie. Wer in global agierenden Unternehmen oder Institutionen arbeiten wolle, brauche aber auch als Westler ein Gespür für kulturelle Unterschiede. Im viermaligen Studienortswechsel liegt für sie daher die Stärke des Studienprogramms. "Der Alltag und unsere Umgebung prägen schließlich unser Denken", sagt sie. "Wenn in Westeuropa ein Bus nicht kommt, denken alle sofort, es ist etwas passiert. In einem Land wie Indien, wo wir Mangel und Krisen gewohnt sind, sind wir nicht gleich beunruhigt. Wir suchen stattdessen nach Alternativen, wie wir von der Stelle kommen."