Man muss es sich vorstellen wie ein großes, labyrinthisches Bewässerungssystem. Immer wenn die Vorlesungen aus sind, strömen die Germanistikstudenten durch die Hauptkanäle, genannt "Gänge", und verteilen sich von da in eine unüberschaubare Zahl von Seitenkanälen, die "Straßen" heißen, obwohl sie sich innerhalb des Gebäudes befinden. Die Hauptkanäle sind nach Buchstaben geordnet, die Seitenkanäle nach Zahlen. Das Institutssekretariat zum Beispiel hat die Adresse JK 30/122 F, das bedeutet, es liegt zwischen dem J- und dem K-Gang auf Höhe der 30. Straße. "Besuchern empfehle ich, sich vom Pförtner den Weg schildern zu lassen", sagt die Institutssekretärin Marlene Stukowske.

Gerade hat sie die neuesten Zahlen hereinbekommen. 4135 eingeschriebene Studenten gibt es bei den Germanisten an der FU Berlin. Am Anfang des Semesters stehen die Türen der Hörsäle offen, damit diejenigen, die drinnen keinen Platz finden, auf den Fluren mithören können. "Ich habe auch schon vier Stunden auf der Heizung gesessen", sagt Johanna Thomas aus dem vierten Semester. Seit zwei Semestern ist sie in Berlin, in der Zeit hat sie genau einen Professor persönlich kennen gelernt.

40 Prozent aller Studenten an deutschen Universitäten haben das Gefühl, in der Masse unterzugehen, 39 Prozent würden den Satz unterschreiben: "Wenn ich eine Woche nicht an der Uni wäre, würde das niemandem auffallen." So steht es im Studierenden-Survey der Arbeitsgruppe Hochschulforschung an der Universität Konstanz. Doch wer mit Tausenden anderer Kommilitonen studiert, hat nicht automatisch schlechte Karten. "In der Massenuni liegt auch eine Chance", sagt Hans-Werner Rückert von der Psychologischen Studienberatung der FU.

Die Chance nämlich, selbstständig zu werden und mit unüberschaubaren Situationen klarzukommen. Das allerdings passiert nicht von allein. Wer am Ende nicht frustriert und verzweifelt, sondern gelassen und gestärkt die Hochschule verlassen will, muss sich selbst ein gezieltes Survivalprogramm verordnen.

Der erste Schritt: dafür sorgen, dass man von anderen wahrgenommen wird. An der Schule oder an kleinen Unis ist das selbstverständlich, an der Massenuni nicht. Viele, die zu Rückert in die Beratung kommen, leiden darunter, dass es niemanden interessiert, ob sie im Seminar auftauchen. Eine Einstellung, die der Psychologe problematisch findet: "Mütterlich geprägte Erwartungen" nennt er das. "Aber die Uni ist keine Übermutter." Sondern eher so etwas wie ein Initiationsritus oder auch wie ein Umzug ins Ausland. "Da steht dann ja auch nicht überall ein Empfangskomitee bereit."

Den Kontakt zu Kommilitonen bekommt man am leichtesten über die Einführungstage oder -wochen am Semesteranfang. Oft werden sie von den Fachschaften veranstaltet – und die denken sich einiges aus, um zwischen den neuen Studenten Bekanntschaften zu stiften. Statt über "Kinderkrams" wie Kennenlernspielchen die Nase zu rümpfen oder erst gar nicht zu kommen, sollte man die Gelegenheit nutzen. Später in Vorlesungen und Seminaren Mitstudenten kennen zu lernen ist für die meisten ungleich schwieriger. Die "Teams" aus der Eingangsphase halten dagegen oft ein Studium lang.

Möglichst früh sollte man auch Arbeitsgruppen bilden – und zwar nicht nur, um vor der Klausur gemeinsam den Stoff einzupauken. Wenn die richtigen Leute zusammenkommen, kann die Gruppe zum Ort für heiße Debatten und kühle Gedankenspiele werden und so die Freude am Fach erst richtig wecken. Denn der akademische Diskurs, der doch eigentlich Teil des Studiums sein sollte, ist aus den überfüllten Seminaren oft verschwunden. Außerdem kann die Debatte im kleinen Kreis Mut machen, auch einmal im Seminar nachzuhaken. "Wenn man mit Kommilitonen über den Stoff diskutiert, lernt man, gezielt Fragen zu stellen", sagt Beate Krais, Hochschulsoziologin an der TU Darmstadt. Wo das geschehe, sei nebensächlich, es könne auch in der Kneipe sein.

Die Gruppenbildung ist auch hilfreich, wenn es darum geht, Dinge einzufordern: mehr Tutoren oder die Aufteilung einer Vorlesung zum Beispiel. "Man darf nicht alles hinnehmen", sagt Margret Bülow-Schramm, Professorin am Interdisziplinären Zentrum für Hochschuldidaktik in Hamburg. "Wenn man an einer Massenuniversität studiert, muss man auch bereit sein, sich zu wehren."