Wenig Geld, kein festes Einkommen, keine richtige Ausbildung, keine Aufstiegschancen; dafür hohe Anforderungen, Hochschulabschluss, bitte schön, und gut gefüllte Arbeitszeiten von morgens halb acht bis abends um zehn – dahinter soll sich ein Traumjob verbergen? Tatsächlich gibt es Leute, die das behaupten, und sie meinen es ernst. Ihr Beruf: Studienreiseleiter. Reiseleiter, die nicht nur den Busfahrer, die Strecke und das Hotel kennen müssen, sondern vor allem das Land, das sie bereisen, seine Sprache, Geschichte, Kultur und die Essgewohnheiten. Studienreiseleiter haben entweder gerade keinen anderen Job gefunden, oder sie haben einen Tick. Viele haben beides. Robert Geissler zum Beispiel, Reiseleiter seit anderthalb Jahren: Er hat Forstwirtschaft studiert, dann in Peking Chinesisch gelernt und als freier Berater für die chinesische Forstwirtschaft gearbeitet. Das reichte aber nicht fürs Konto, planbar war es auch nicht, also hat er sich bei Studiosus beworben, Deutschlands größtem Veranstalter von Studienreisen. Jetzt fährt er zwei-, dreimal im Jahr mit einer Horde neugieriger Erwachsener durch die Gegend und erklärt ihnen China. Dafür bekommt er ein paar Euro und kann seinen "Drang nach China" ausleben.

Altkluge Querulanten, einsame Alkoholiker

Ohne Leidenschaft für die Fremde und das Unterwegssein wird ein Reiseleiter nicht glücklich. Manche sind 150, 200 Tage im Jahr auf Reisen – je nach Spezialgebiet in China oder in Kroatien, Norwegen, Nordafrika, Südafrika, Schottland, Mittelamerika. Sie verdienen selten mehr als 100 bis 130 Euro pro Tag, arbeiten freiberuflich, ohne Beschäftigungsgarantie.

Reiseleiter kann sich jeder nennen. Der Beruf ist nicht geschützt, eine geregelte Ausbildung gibt es nicht. Die Hochschule Bremen vergibt ein Reiseleiterzertifikat, bietet aber lediglich die Prüfung und keine Ausbildung. Was gewusst werden muss, lernt der künftige Studienreiseleiter meistens direkt beim Veranstalter, für den er hinaus in die Welt fahren soll. Die Schulungen dauern in der Regel zwei bis drei Wochen.

Bei Studiosus bewerben sich Reiseleiter ganz klassisch mit Mappe, durchlaufen dann ein zweitägiges Assessment-Center, in dem sie nicht nur Testfragen zu Deutschland und ihrem künftigen Reiseziel beantworten müssen, sondern auch auf soziale Kompetenz, Teamfähigkeit und Stressresistenz geprüft werden. Außerdem gibt es Übungen: Wie gestalte ich eine Museumsführung? Wie benutze ich das Mikrofon im Bus? Was steht in einem Reisevertrag? Rund 1500 Bewerbungen gehen pro Jahr bei Studiosus ein. 50 bis 80 Kandidaten werden auf Reisen geschickt. Zunächst allerdings auf eine "Einweisungsreise" an der Seite eines erfahrenen Kollegen. Von da an muss der Studienreiseleiter alles selbst können, für alles selbst sorgen: für den Zeitplan, die Reisekasse und die Gruppe natürlich. Die kann so groß und launisch wie eine Schulklasse sein, mal sitzt der altkluge Querulant mit im Bus, mal der einsame Alkoholiker. "Man ist zugleich Kompaniemutter, Leitwolf, Freund und Sozialpädagoge", sagt Betina Rütten von Studiosus. Aber egal, in welcher Rolle: Reiseleiter müssen von früh bis spät zumindest nach außen hin gute Laune bewahren, auf alles eine Antwort finden, immer souverän und selbstsicher sein.

Den Beruf fürs Leben sehen darin nur die wenigsten. Eine Karriere kann man in der Branche nicht machen. Wer Reiseleiter ist, bleibt Reiseleiter. Bestenfalls ist er nach einiger Zeit ein erfahrener Reiseleiter und darf mehr Länder abdecken als ein Anfänger.

Nach durchschnittlich fünf Jahren hat sich der Traumjob für die meisten erledigt. Viele Studienreiseleiter sind Akademiker in der Warteschleife – unter ihnen Skandinavisten, Sinologen, Komparatisten, Kunsthistoriker, Geografen und Ethnologen. Sie finanzieren sich so ihre Doktorarbeit oder eine langwierige Stellensuche nach Studienende. Trotzdem gibt es nach Schätzungen des Verbandes der Studienreiseleiter in München derzeit rund 700 bis 800 Studienreiseleiter in Deutschland, die diesen Job zumindest vorübergehend als ihren Hauptberuf ansehen. Die meisten sind um die 40; sie arbeiten für rund 60 Veranstalter, darunter große Anbieter wie Studiosus, Wikinger, Gebeco, Hirsch, Ikarus oder Windrose. Im Moment ist die Nachfrage nach den gebildeten Reiseführern gedämpft – Terrorangst und Konjunkturflaute machen sich bemerkbar. Wer sich für Wandertrips oder Pilgerreisen nach Lourdes oder Santiago de Compostela begeistern kann, hat allerdings noch gute Chancen.

"Das Pendeln zwischen den Kulturen geht an die Substanz"