Wieder einmal meldet sich in der Debatte zur Zukunft Europas ein Deutscher zur richtigen Zeit und am richtigen Ort zu Wort, um akkurat das Falsche zu sagen.

Jürgen Habermas, der deutsche Philosoph der Gegenwart, hätte keinen glücklicheren Augenblick für das konzertierte Auftreten europäischer Intellektueller wählen können als die Entscheidungsphase des Verfassungskonvents. Der könnte, bedrängt von den Machtansprüchen der Regierungen, Hilfe aus so berufenem Munde wahrlich gut gebrauchen - vor allem in einer Zeit neuer Bruchlinien nach dem Irak-Desaster und der wütenden Versuche zur Remythisierung des Nationalstaates.

Doch Jürgen Habermas spricht gar nicht vom bahnbrechenden Ereignis des europäischen Verfassungsentwurfs, von der ersten republikanischen Grundordnung für eine Demokratie im supranationalen Raum. Er wendet sich gar nicht an den Konvent, nimmt die dort gegeneinander angetretenen Visionen gar nicht wahr, erkennt den Augenblick nicht, den er für seine Intervention gewählt hat. Habermas hält derweil weiter Ausschau nach einer "attraktiven, ja ansteckenden ,Vision' für ein künftiges Europa", von der er uns bloß wissen lässt, dass sie nicht "vom Himmel" fällt, und raunt ins Ungefähre, dass "sie nur aus dem Empfinden beunruhigender Ratlosigkeit geboren" werden könne. Die Utopie hat aber längst einen Ort. Doch während sich im Konvent Regierungen und Parlamente über die Grundrisse einer Republik Europa in die Haare kriegen, spricht Habermas von "postnationalen Konstellationen", in denen die in der Union bestehende "Form des Regierens jenseits des Nationalstaates" gar Schule machen möge. Schließlich regt Habermas die Bildung eines "Kerneuropa" aus einigen wenigen Staaten an - sie sollen der Motor sein. Das ist eine alte Idee von Wolfgang Schäuble und Karl Lamers aus dem Jahr 1994, längst überholt vom Verfassungsprozess und im Übrigen das exklusive Alternativmodell dazu. So wird die Avantgarde zur Nachhut. Der Philosoph empfängt nach unruhigem Schlaf Europa im Morgenmantel. Sein Koautor Jacques Derrida ist erst gar nicht aufgestanden, hatte nach eigenem Bekunden keine Zeit, habe nur unterschrieben. So erscheint der deutsche Philosoph allein vor dem Konvent, in Pantoffeln, beunruhigend ratlos.

Johannes Voggenhuber ist Europaabgeordneter der österreichischen Grünen und Mitglied des Konvents zur Zukunft Europas