Eine Frau wollte ein Manuskriptblatt haben, um es zu rahmen und an die Wand zu hängen. Sie fragte den Komponisten Franco Donatoni, und der schrieb ihr eines, 37 Sekunden kurz: A Françoise, ein quirlig ausgelassenes, quecksilbriges Klavierstück von 1983. Eine Kleinigkeit, könnte man meinen, eine Bagatelle, wie deren viele für ähnliche Anlässe geschrieben wurden. Aber kleine Ursachen entfalten mitunter große Wirkungen: Für Donatoni begann mit dem Wandschmuck die Arbeit an den 49 Françoise-Variationen, einem Klavier-Zyklus, der ihn nicht weniger als 20 Jahre beschäftigten sollte, bis zu seinem Tod in Rom vor drei Jahren.

Das Stückchen zeigt vor allem eins: Donatonis Rastlosigkeit. Sie war Bestandteil seiner Person, seines Charakters und zeigt sich im Großen wie im Kleinen. Er gehört zu den ganz wenigen Komponisten der Musikgeschichte, die nicht ein einziges langsames Stück oder auch nur eine ruhige Passage geschrieben haben. Die Hyperaktivität mag man für den Ausdruck innerer Getriebenheit, für eine Stillstandsphobie oder für strukturelle Hysterie halten, sie ist jedenfalls vital, sensibel und fantasievoll. Die Pianistin Maria Isabella De Carli - die selbst Widmungsträgerin verschiedener Stücke ist - gibt die nervöse, hypertrophe Diktion artgerecht wieder. Sie hat eine CD mit Klaviermusik (Piano Music, Stradivarius 33627, Vertrieb: harmonia mundi) eingespielt, die Donatonis ganze kompositorische Palette zeigt - von dem punktuellen Stil der Tre Improvvisazioni (1957) bis zu den Kataklysmen der Cloches II (1990).

Donatonis Stärke ist das "Spiel mit Fäden", mit einer Unzahl farbiger Garne, die zu einer Textur verwoben werden. Jedes Instrument hat eine eigene Formel zu spielen, einen eigenen Faden zu spinnen, der zu den anderen passt, auch wo er völlig andersartig erscheint. Das Webmuster ist dadurch sehr beweglich und wandelt sich unaufhörlich: Gerade scheint sich ein Muster herausgebildet zu haben, und schon stellt man fest, dass sich der Teppich bewegt hat.

Solche psychotrophen Unbotmäßigkeiten bestimmen Voci, "Orchesterübung", wie Donatoni das Stück nennt, gespielt von dem Netherlands Radio Symphony Orchestra unter Arturo Tamayo (Orchestral Works Vol. 2, Stradivarius 33628).

Linien verknoten sich darin mit Linien, dehnen sich zu Flächen, die vom großen Orchester ausgefüllt werden. So changiert das Stück fortwährend zwischen engräumiger und weitschwingender Bewegung. Aber unterwegs ist es immer - sonst wäre es kein Werk von Franco Donatoni.