Zwei volle Jahrzehnte waren Depeche Mode mit ihrem typisch dunklen Sound in den Charts und auf den Tanzflächen präsent. Wenn Sänger Dave Gahan und Komponist Martin L. Gore jetzt zeitgleich Soloalben vorlegen, verwundert es nicht, dass diese sich vom gemeinsamen Schaffen abheben. Ohne die Band im Rücken entfällt der Zwang zum Kompromiss. Man hört deutlicher, wer das akustische Profil von Depeche Mode wie geprägt hat. Bei Gahans Debüt Paper Monsters (Mute stumm216) lauert das Düstere im Hintergrund, drängt nur ab und an nach vorne wie ein angsterfüllter Herzschlag auf einer Thrillertonspur.

Er, der als Frontmann schon immer alleine für den Sex-Appeal zuständig war, führt dem Band-Denker Gore sogar in dessen Königsdisziplin Ballade vor, dass es auch ohne Schwermut geht. Vertraut sind einem die hymnischen Choräle, die als "Black Celebration" Geborgenheit stiften, doch dann spielt Gahan den Blues mit Mundharmonika und großer Energie, und man merkt, dass der Sänger auf den Songwriter Gore weniger angewiesen ist als umgekehrt. Endlich solo: Jetzt tobt sich Gahan aus. Deshalb hat das Album trotz aller Reife die Frische eines Debüts.

Dem Schreihals der Band fehlt aber auch etwas ohne seinen introvertierten Gegenpol: der Wille zum Wagnis und manchmal auch die Struktur. Bitter Apple hätte Gore wohl auf jedem Depeche-Mode-Album unterbunden, wie Gahan sich umgekehrt geweigert hätte, den Stücken auf Martin L. Gores Debüt seine Stimme zu leihen. Denn Counterfeit2 (Mute stumm214) ist eine musikalische Privatmeditation, ausschließlich mit Coverversionen bestückt und von monomanischen Rhythmen begleitet. Gores ohnehin nicht besonders kräftige Stimme wird weiter zurückgefahren, die Hits wie etwa Bowies Tiny Girls klingen nicht mehr wie Hits, sondern laufen auf einem Fließband langsam unter Elektronenrastermikroskopen entlang, wo sie akkurat seziert werden.

Während Gahan also pompösen, auf Tonträger gebannten Stadionrock liefert, ist auf Counterfeit2 das Artistische aufgehoben, das Depeche Mode einmal ihren elektronisch-experimentellen Charakter verlieh: Der große Popkomponist Gore pflegt die Kunst des Arrangements und entwickelt die Originale weiter. Wie da Kurt Weills Lost In The Stars auf einmal nach seinem eigenen A Question Of Lust klingt! Und bei Lennons Oh My Love erinnert Gore sogar an das ehemalige Depeche-Mode-Mitglied Vince Clarke, der mit seiner Band Erasure den fröhlichsten Teil des Klangkonzeptes abspaltete. Gore alleine ist entlegener, Gahan direkter als in der Gruppe: Ihre Soloalben materialisieren, was stets in der Luft lag, aber nicht zu hören war.