Im Londoner Victoria & Albert Museum ist ein ganzer Flügel britischen Mitbringseln aus Indien gewidmet. In Glasvitrinen liegen Seidengemälde aus den Wüstenstädten Rajasthans, Prachtgewänder aus den Palästen von Prinzen, Büsten aus den Tempeln von Hyderabad oder Schmuckstücke aus den Schatztruhen der Moguln. "Das ist die Sammlung der Ostindischen Kompanie", erläutert die junge Museumsangestellte, "aber wir haben hier nur Platz für einen winzigen Teil davon." Deshalb wechseln die Exponate immer wieder, aber eines ist immer da: Tippoo’s Tiger, ein bewegliches mechanisches Gerät aus dem 18. Jahrhundert. Es stellt einen Tiger dar, der einen Engländer zerfleischt, komplett mit Knurren und zappelnden Gliedmaßen. Museumsbesucher haben Tippoo’s Tiger so gern, dass er im Shop als Pappmodell, als Radiergummi und als Raubtierschmaus aus Milchschokolade zu kaufen ist.

Als der ehrenwerte Londoner Kaufmann Thomas Smythe am 24. September 1599 die Founder’s Hall betrat, um mit 30 Kaufleuten ein Unternehmen zu gründen, konnte er nicht ahnen, dass seine "Kompanie der Kaufleute von London, die mit Ostindien Handel treiben", den Grundstein für ein britisches Imperium legen sollte. Oder dass der indische Provinzfürst Tippoo sich einmal wünschen würde, ein Tiger möge alle Engländer zerfleischen.

Thomas Smythe ging es nicht um politische Macht, nicht um Kolonialherrschaft, sondern bloß um Geld. Seinen Landsleuten drohte gerade das Geschäft des Jahrhunderts zu entgehen: Gewürzhändler aus Amsterdam segelten seit einigen Jahren erfolgreich nach Ostindien. Sie hatten eine Handelsstation auf Java eröffnet und kürzlich sogar frech in London angefragt, ob sie ungenutzte Schiffe kaufen könnten. "Wir brauchen alle unsere Schiffe", schrieben Londons Kaufleute verärgert zurück, "wir wollen künftig selbst Handel mit Indien treiben."

Die englische Herrscherin ElisabethI. wollte Ärger mit anderen Königshäusern vermeiden. Erst nach einem Jahr gewährte sie den Kaufleuten die Handelslizenz. Doch Probleme blieben: Die Fahrt in den Indischen Ozean war teurer und riskanter als Handelsexkursionen in andere Teile der Welt. Englands Kaufleute waren zu jener Zeit in companies organisiert, Kaufmannsgilden, die Monopole für bestimmte Teile der Welt genossen und sich den Handel aufteilten. Doch ihre Schiffe schickten die Kaufleute auf eigenes Risiko los, jeder für sich.

In der Ostindischen Kompanie wollten sie gemeinsam aufbrechen, und neben den Kaufleuten konnten auch andere Bürger Anteilsscheine an der ersten Expedition erwerben. 100 bis 300 Pfund betrug die übliche Investitionssumme pro Kopf, insgesamt kamen stolze 60000 Pfund zusammen. Im Februar 1601 verließen vier Schiffe den Londoner Hafen. Zweieinhalb Jahre später kehrten sie zurück, hatten zwei Fünftel der Besatzung verloren, aber 500 Tonnen Pfeffer mitgebracht. Reiche Ausbeute eigentlich. Aber durch einen Zufall quollen die Londoner Märkte im Herbst 1603 von Pfeffer nur so über: Das Königshaus hatte selbst große Mengen zu verkaufen, vermutlich stammten sie von einem gekaperten Handelsschiff, und gegen die Konkurrenz verhängte es erst einmal ein Verkaufsverbot. Verärgert ließ Smythe seinen Pfeffer schließlich als eine Art Dividende an die Anteilseigner auszahlen und brachte 219 zornigen Aktionären noch zusätzlich schlechte Nachrichten: Sie würden nur ein Fünftel ihres Aktienkapitals wieder zurückbekommen. Der Rest müsse eine neue Reise nach Ostindien finanzieren.

Auf einige Neuaktionäre wirkte das wie Enteignung. Sie hatte die Aussicht auf schnelle Renditen gelockt, nun sahen sie sich betrogen. Im General Court, einer Art Hauptversammlung der East India Company, hatten diese Finanzinvestoren die Mehrheit. Andere Anteilseigner waren durchaus zu neuen Abenteuern aufgelegt. Als Kaufleute verdienten sie an den Expeditionen: Viele von ihnen waren an der Bereitstellung von Schiffen, Proviant oder Devisen für Fahrten in die weite Welt beteiligt, oder sie erledigten den ebenfalls profitablen Wiederexport angelandeter Güter. Diese Kaufleute dominierten den Court of Committees, also den Vorstand der East India Company. Zwischen den beiden Gremien entbrannte ein Dauerkonflikt.

Notgedrungen spielte Thomas Smythe die Rolle eines Mittlers zwischen den Welten. Im Kerngeschäft seiner jungen Firma galten raue Sitten. Ein hartes Völkchen fuhr zur See auf Segelschiffen, die voll gepackt waren mit spanischem Silber, getrocknetem Fleisch und Gin. In den fernöstlichen Handelsstädten prügelten sie sich mit den Holländern, holten sich Durchfall oder die Syphilis, am Ende einer Reise war so manches Logbuch mit Totenköpfen voll gekritzelt. Doch daheim in London, in der Zentrale der Ehrenwerten Kompanie, waren eher die Qualitäten eines smarten Politikers gefragt. Smythe war der Sprössling einer reichen Familie mit guten politischen Verbindungen, ein Mann, der als "karg und aufrecht und mit immenser Energie" beschrieben wurde.

Vermutlich wurde Smythe 1558 als zweiter Sohn des Londoner Zollchefs Thomas Smythe of Westenhanger geboren. Seine Mutter Alice war die Enkelin des reichen Kaufmanns und ehemaligen Londoner Bürgermeisters Andrew Judde. Der Sohn wurde mit kaum mehr als 20 Jahren Zollbeamter, dann Finanzprüfer, Ratsherr und Sheriff, schließlich Handelskommissar für die Vereinbarungen mit den Holländern und Abgeordneter im House of Commons. Als er zur Jahrhundertwende 1600 die Führung der East India Company übernahm, hatte er seine Hände bereits überall im Spiel: in der Politik, in der Verwaltung und in zahllosen Handelsgeschäften in aller Welt.