"Achtung, Teerklumpen. Vom Baden wird abgeraten." Am Strand von Sauveterre bei Olonne-sur-Mer in der Vendée warnt noch immer ein Schild vor dem Sprung ins Wasser. Die örtliche Verwaltung hat wohl vergessen, es abzunehmen, denn mittlerweile läuft der Badebetrieb wieder ungestört. Bars und Restaurants haben Sonnensegel und Liegestühle aufgestellt, und Christophe Bonnaudet, Besitzer der Petit Bar, beruhigt skeptische Besucher: "Der Strand ist wieder sauber, wir haben zu Saisonbeginn an Pfingsten die letzten Klumpen entfernt."

Überall an der französischen Atlantikküste hört man nur Aufmunterndes. Delphine Nuqueret, Sprecherin des Rathauses von Biarritz, lobt ihren Chef und sein Krisenmanagement: "Als deutlich wurde, dass der Ölteppich auch auf unsere Küste zusteuert, hat sich unser Bürgermeister sofort mit den Nachbargemeinden kurzgeschlossen und Reinigungsschiffe geordert." Und der Hafendirektor von Arcachon, Alain Gautier, erklärt: "Die Erfahrung mit der Havarie des Tankers Erika in der Bretagne vor drei Jahren hat uns sehr geholfen, rechtzeitig die erforderlichen Maßnahmen zu treffen."

Die Lage war vor einem halben Jahr sehr ernst. Als spanische Behörden am 14. November 2002 beschlossen, den einen Tag zuvor vor der galicischen Küste leckgeschlagenen Tanker Prestige ins offene Meer hi-nauszuschleppen, setzten sie eine der größten Umweltkatastrophen Europas in Gang. 133 Seemeilen vor dem Kap Finisterre ließen sie den Tanker mit 77000 Tonnen russischem Schweröl von der Leine, wo das Wrack kurze Zeit später zerbrach und unterging. Zu Weihnachten entdeckten Aufklärungsflugzeuge die ersten Ölteppiche vor der französischen Küste, und Neujahr waren fast tausend Kilometer Küste von Nordportugal bis in die Bretagne verseucht.

In der berühmten Bucht von Arcachon bei Bordeaux tauchten die ersten Rückstände auf. Sofort erließ der Präfekt der Region Gironde, Christian Frémont, ein zehntägiges Verkaufsverbot für die weltberühmten Austern und Muscheln. Die 350 Züchter in der binnenmeerartigen Bucht, die jährlich bis zu 12000 Tonnen Meeresfrüchte aus dem Becken ernten, erlebten Anfang des Jahres Verkaufseinbrüche bis zu 50 Prozent – obwohl selbst auf dem Höhepunkt der Katastrophe nur winzige Ölrückstände nachgewiesen wurden. Darüber hätten sich die Züchter in der Bretagne, die in scharfer Konkurrenz zu den Kollegen von Arcachon stehen, eigentlich freuen können – wären die Ölschlieren nicht auch bis nach Brest gezogen, wo ebenfalls Alarm ausgerufen wurde.

"Die großen Verschmutzungswellen, wie sie zu Jahresanfang auftraten, sind vorbei", sagt heute auch die Umweltbeauftragte der französischen Grünen, Catherine Boudigou. Doch eine Garantie, dass die Prestige- Katastrophe damit überwunden ist, könne sie nicht geben. Die Grünen bezeichnen die Giftfracht der gesunkenen Prestige als "Tschernobyl des Meeres", weil noch immer die Hälfte der Fracht auf dem Meeresboden liegt und in Zeitlupentempo entweicht. Von ihrem Haus auf der Ile de Noirmoutier, einer Insel im Atlantik, auf halbem Wege zwischen Brest und Bordeaux in der Vendée gelegen, beobachtet Boudigou regelmäßig den Zustand der Küste: "Die Sandstrände sind wieder sauber, doch das Hauptproblem bleiben die felsigen Küstenabschnitte." Dort sei die Reinigung noch längst nicht abgeschlossen. Derzeit versuchen die Grünen auf ihrer nationalen Website (www.les-verts.org), Links zu ihren regionalen Vertretungen aufzubauen, um detailliert über Verschmutzungen berichten zu können.

Noch lange nicht überwunden ist die Katastrophe für die Touristikbranche. Die Tourismusbüros im gesamten Golf von Gascogne verzeichneten im Frühjahr deutliche Rückgänge bei den Besucherzahlen: So meldete das Örtchen Saint-Jean-de-Luz einen Schwund von 25 Prozent, und in den Hotels und Heilbädern der Region Biarritz blieb teilweise die Hälfte der Gäste fern. Mittlerweile gibt es zumindest auf den dortigen Campingplätzen wieder normalen Betrieb. "Doch viele Besucher, vor allem die gesundheitsbewussten Deutschen, bleiben skeptisch", sagt ein Platzwart.

Marie Plasait vom Ministerium für Verkehr und Tourismus in Paris schwört hoch und heilig, dass alle Strände längst wieder sauber sind: "Wenn jetzt noch die letzten Rückstände anlanden, werden sie sofort entfernt." Zudem verweist sie auf mehrere Internet-Adressen, die den aktuellen Stand der Küstenpflege anzeigen. "Wir haben gerade in Deutschland die intensivste Aufklärungskampagne gestartet" – wohl wissend, dass erst die Rückkehr der umweltbewussten Deutschen als Beweis dafür wahrgenommen wird, dass alle Schäden glaubhaft beseitigt sind.