Chirac heißt der Schuft. So jedenfalls steht es in den Kommentaren der europäischen Presse. Frankreichs Präsident grollte vergangene Woche vom griechischen EU-Gipfel herab, und schon kuschten die Anwesenden. Die Agrarverhandlungen der Fachminister wurden kurzerhand abgebrochen, alle Kompromisse wieder einmal vertagt. Ob das diese Woche anders wird? Und was bleibt nach solch einem Zeichen der Macht noch übrig von der Agrarreform des unbotmäßigen EU-Kommissars Franz Fischler?

Die Beobachter tun den vermeintlichen Titanen Chirac und Fischler zu viel der Ehre an. Jacques Chirac steht nicht allein, sondern vertritt den agroindustriellen Komplex seines Landes, und Franz Fischler gilt längst nicht mehr als kraftstrotzender Reformer. Sein Vorschlag war von Beginn an bestenfalls der Einstieg in den Subventionsausstieg - mehr Macht lässt man einem Brüsseler Agrarkommissar nicht. Um die EU-Landwirtschaftspolitik von morgen kämpfen nicht Reformer gegen Reaktionäre, nein, hier prallen lediglich Interessen auf Interessen.

Der Österreicher blickt auf die im Herbst anstehenden WTO-Verhandlungen, schließlich müssen er und sein Kommissionskollege Pascal Lamy dort für Europa verhandeln. Dann werden die Europäer wegen ihrer Subventionen und die Amerikaner wegen ihrer Agrarkredite kritisiert werden, verzerren doch beide den Handel. Fischler weiß, was ihm dort blüht, nur kann er den Kritikern leider nicht entgegenkommen. Ausgaben und Spielregeln der EU-Agrarpolitik hatten die Staatschefs 1999 in Berlin bis zum Jahr 2006 festgelegt und damit basta! Überhaupt sind sich der französische Präsident und der deutsche Bauernverband in einem einig: Warum schon jetzt reformieren, weshalb nicht erst den Ausgang des WTO-Pokers abwarten?

Fischler hat schon Anfang 2003 versucht, ein neues System zu entwerfen.

Direktbeihilfen für die sieben Millionen Bauern wollte der Kommissar von der Produktion abkoppeln - immerhin entfallen auf produktionsgebundene Subventionen 30 der 44 Milliarden Euro Agrarmittel, und das bei einem EU-Budget von knapp 100 Milliarden Euro (siehe Grafik). Fortan sollten die Direktbeihilfen auch an den Umwelt- oder Tierschutz geknüpft werden. Mehr Mittel für die Entwicklung des ländlichen Raums, weniger Geld für Großbetriebe, dazu eine Senkung der Interventionspreise für Getreide, Rindfleisch, Milch: So sollte die alte Philosophie der Produktionssteigerung behutsam weiter verändert werden. Schließlich stammt sie noch aus den EG-Verträgen der Hungerjahre nach dem Zweiten Weltkrieg.

Den Franzosen ist das schon zu viel. Aber stehen sie mit dieser Auffassung wirklich allein da? Unversehens scharen sich seit einer Woche Belgier und Luxemburger, Iren und Finnen, Italiener und Spanier, Österreicher und Portugiesen um Jacques Chirac und handeln Fischler Punkt für Punkt herunter.

Stellen sich die Franzosen vor ihre Getreideproduzenten, so suchen die Iren ihre Rinderzüchter vor Fischlers Vorschlägen zu schützen, die Italiener ihre Hartweizenpflanzer und Spanier und Griechen ihre Schaf- und Ziegenzüchter.